KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center
König im Exil

Publikation: Mannheimer Morgen
Autor: Wolfgang Nierlin

 

Das 17. Mannheimer Filmsymposium widmete sich dem "unbekannten Orson Welles" Von Wolfgang Nierlin Am Beginn des 17. Mannheimer Filmsymposiums, das sich in diesem Jahr mit dem weitgehend unvollendet gebliebenen Spätwerk des Schauspielers und Regisseurs Orson Welles beschäftigte, aber auch mit seinen Radio- und Fernseharbeiten, stand der Trailer zu seinem berühmtesten sowie folgenreichsten Film "Citizen Kane". Als "Fake" bezeichnete Peter Bär vom veranstaltenden Cinema Quadrat mit Blick auf Konzeption und Zielsetzung der mittlerweile zweiten "Orson-Welles-Konferenz" diesen Einstieg. Denn bekanntmachen wollte die Fachtagung, die durch eine enge Zusammenarbeit mit dem Filmmuseum München und seinem Leiter Stefan Drößler möglich wurde und mit renommierten Referenten aus dem In- und Ausland besetzt war, vor allem mit dem Erfindungsreichtum und der Vielfalt des "unbekannten Welles". Daß dieses für ein größeres Publikum mehr oder weniger verlorene Werk vielleicht auch Auskunft über die Bedingungen seiner Unwägbarkeiten, inhärenten Widersprüche und seines partiellen Scheiterns geben könnte, war eine der Hoffnungen während der viertägigen Veranstaltung.

Trotz oder gerade wegen dieser Intentionen hätte das einführende Filmbeispiel kaum besser gewählt sein können, zeigt es doch in nuce den ganzen Facettenreichtum der schillernden Künstlerpersönlichkeit. Wie das gebündelte Scheinwerferlicht, das am Anfang des Trailers ins zwielichtige Studiodunkel fällt, bevor ein Galgen mit überdimensioniertem Mikrofon ins Bild schwenkt und Welles’ warme, ausdrucksstarke Stimme aus dem Off zum Zuschauer spricht, konzentrieren sich in dem Clip der Mythos des genialen Schwindlers, seine ambivalenten Selbstinszenierungen und sein blendender Spieltrieb. Der humorvolle Erzähler von Lügengeschichten, der in der beziehungsreichen Dialektik von An- und Abwesenheit seine Identität verschleiert und zugleich narzißtisch zur Schau stellt, spiegelt in der Frage nach Charles Foster Kane seine eigene multiple, sich entziehende Persönlichkeit.

Viele Spuren in ein weites Feld von Entdeckungen lassen sich von hier aus verfolgen. So führt etwa Welles’ Rezitationskunst sowohl zu seinen Theater- und Radioarbeiten als auch zu seinen Experimenten in dem noch unverbrauchten Medium Fernsehen, wo die Selbststilisierung nicht nur der Beglaubigung der Fiktionen dient, sondern auch den Mythos Welles beschwört, der in der ständig wiederkehrenden Silhouette einer massigen Gestalt als Reminiszenz an die abgründige Figur des Harry Lime in Carol Reeds "Der dritte Mann" gegenwärtig ist. Die Zeugnisse dieser augenzwinkernden Selbstverliebtheit waren beim Mannheimer Symposium zahlreich. In ihnen war aber auch Welles’ virtuose Handhabung der Stile und Medien, abzulesen an seinen elaborierten Montagen, den vielschichtigen Collagen und seinen auf Beschleunigung zielenden Inszenierungen, zu beobachten. Daniel Kothenschulte, der sich in seinem Vortrag mit der "Künstlerfigur Orson Welles" beschäftigte, fand in dieser Verbindung handwerklicher Fertigkeiten mit Intellektualität, die sich dem fertigen Werk ebenso verweigert wie der Schönheit eines ungebrochenen Illusionismus, Belege für Welles’ "Grenzgängerschaft zwischen Hoch- und Trivialkultur" und damit einen Nachweis seiner unzeitgemäßen Modernität.

Einen schönen Überblick dieser Vielseitigkeit und zugleich einen Einblick in das schwierige Ringen um künstlerische Unabhängigkeit, die sich in den vielen unvollendeten Projekten des "Königs im Exil" - wie die französische Schauspielerin Jeanne Moreau Welles einmal bezeichnete - widerspiegelt, findet sich in dem von Oja Kodar mitgestalteten Kompilationsfilm "Orson Welles: The One-Man Band". Die kroatische Bildhauerin und Aktrice, die als Lebens- und Arbeitspartnerin den Meisterregisseur in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens begleitete, war nicht nur Muse und unmittelbarste Zeugin seines avantgardistischen Alterswerks. Ihr ist es auch zu verdanken, daß Welles’ umfangreicher Nachlaß eine konservatorische Heimstatt im Münchner Filmmuseum gefunden hat.

Einen Schwerpunkt setzte das filmkundliche Symposium mit der Analyse von Welles’ in den fünfziger Jahren bei der BBC realisierten Fernseharbeiten. Anhand zahlreicher Beispiele zeigte der Filmjournalist Gerhard Midding, wie der frühere Radiomacher das noch unverbrauchte Medium als Experimentierfeld nutzte, um seine Rundfunkerfahrungen und erzählerischen Interessen mit neuen, freieren Formen filmischer Gestaltung zu verbinden. Gerade in seinen Reisereportagen, die oftmals noch ungelenk und unfertig, rauh und inkohärent wirken, dominiert dabei neben einer gewissen Unberechenbarkeit Welles’ subjektives Interesse. Dieses führt ihn schließlich auch zu Inszenierungen, die seiner Auffassung des Fernsehens als fiktionalem Medium geschuldet sind, deren manipulativen Momente aber auch Auskunft über seine ironische Distanz geben.

Mit der schwierigen, kaum zu beantwortenden Frage der Wiederherstellung unvollendeter Werke war schließlich die erstmals zu sehende lange Fassung der Charles Williams-Adaption "The Deep" verbunden. Während die Motivation und vielleicht auch das Scheitern dieses intimen Kammerspiels in der sehr privaten Situierung von Sujet und Produktion zu finden sind, liegt der Fall bei Welles’ letztem Film "The Other Side of the Wind" etwas anders. Denn dieser zukunftweisende, in manchen Sequenzen reine Film mit seiner Reflexion über filmische Abbildung und Wirklichkeit, seinen autobiographischen Referenzen und seiner elektrifizierenden Atmosphäre war offensichtlich der Zeit voraus. Zugleich verweist er aber zurück auf das verlorene Paradies der Kindheit und seinen künstlichen Ersatz mit Namen Xanadu.

 

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