Publikation: Rheinpfalz
Autor: Doris M. Trauth-Marx
Ein Symposium im Mannheimer Cinema Quadrat beschäftigte sich mit bislang unbekannten Arbeiten des Regisseurs Orson Welles
Ein Mann sitzt im Morgenmantel in einem Sessel, vor sich eine Schreibmaschine, und rezitiert eine Sequenz aus Charles Lindberghs Tagebuch, in dem sich der Ozeanflieger seiner Gefühle im Anflug auf Paris erinnert: "Ich möchte ruhig in diesem Cockpit sitzen und das Bewusstsein des ganzen Fluges in mich eindringen lassen. Es ist, als erklettere man einen hohen Berg auf der Suche nach einer seltenen Blume, und dann, wenn sie auf Armlänge erreicht ist, erkennt man, dass das Glück und die Befriedigung eher darin liegen, sie gefunden zu haben, als sie zu pflücken ..." Der Mann, der in die Kamera spricht, heißt Orson Welles, er ist zu diesem Zeitpunkt 69 Jahre alt; der nur drei Minuten lange filmische "Brief" ist sein Geburtstagsgruß an einen Freund. Zum letzten Mal erscheint der Regisseur und Schauspieler in einem eigenen Film. Ein knappes Jahr später ist er tot.
Ein Mann im Aufzug eines Clowns, an dem in bekannter Manier mehrere Musikinstrumente befestigt sind, tänzelt und tappst, die Instrumente spielend, durch Londons Straßen. Es ist Orson Welles als One-Man-Band: eine Rolle, die seiner Befindlichkeit im wirklichen Leben so verblüffend ähnelt, dass viele Jahre später, als er schon tot ist, ein Film über ihn diesen Titel erhält: "Orson Welles: The One-Man-Band".
Welles' letzte langjährige Lebensgefährtin, die kroatische Schauspielerin >und Bildhauerin Oja Kodar, hat diesen Film aus Auszügen aus Welles' gesamtem Werk kompiliert, gemeinsam mit Vassili Silovic und dem deutschen Kameramann Thomas Mauch. Es ist eine 90-minütige Annäherung an den genialen Filmemacher, dem Zeit seines Lebens das Aufspüren der Blume wichtiger zu sein schien als das Pflücken. Oja Kodar, auf den Zeitpunkt der Entstehung - zehn Jahre nach Welles' Tod - angesprochen: "Ich brachte es einfach nicht fertig, mich eher mit ihm auseinander zu setzen."
Die Frau, der Orson Welles das schier unübersehbare Material seiner zahlreichen unvollendeten Filme - in teilweise beklagenswert schlechtem Zustand - hinterließ, übergab vor einigen Jahren dieses Material dem Filmmuseum München mit der Auflage, es zu bearbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dieser Auftrag stand Pate beim 17.
Mannheimer Filmsymposium. Als Gemeinschaftsveranstaltung mit dem Münchner Filmmuseum machte das veranstaltende kommunale Kino Cinema Quadrat in Mannheim unter dem Titel "Orson Welles - revisited" mit vielen bislang unbekannten Arbeiten des Regisseurs bekannt, wobei die Radio- und Fernseharbeit, aber auch Kurzfilme im Mittelpunkt standen. Erstmals gezeigt wurde auch eine Kombination von vier Welles-Kurzfilmen - darunter der eingangs erwähnte Mini-Film "The Spirit of Charles Lindbergh" -, die im Auftrag des Münchner Filmmuseums und Oja Kodars restauriert wurden und nun durch die deutschen kommunalen und Programm-Kinos touren sollen.
Vier Tage lang drehte sich in Mannheim alles um Orson Welles - in einer gut besuchten Veranstaltung, zu der nicht nur Oja Kodar - klug und bescheiden, liebenswert und kämpferisch - gekommen war, sondern auch Welles' langjährige Kameramänner Willy Kurant aus Paris und Gary Graver aus Hollywood. Beide berichteten authentisch und anekdotenreich über die Arbeit mit Welles, der als einer der ersten "Independants" - vom Studio-System unabhängig arbeitenden Regisseure - gelten kann. Für seinen strikten Willen, nur das zu drehen, was er wirklich wollte, zahlte Orson Welles indessen einen hohen Preis: als Schauspieler viele ihm gleichgültige Rollen spielen zu müssen, um Geld für seine Regiearbeiten zu verdienen; und: viele Projekte, die ihm am Herzen lagen, nicht fertig stellen zu können.
Das versucht jetzt Oja Kodar, darin unterstützt vom Münchner Filmmuseum, vom Kameramann Gary Graver, von US-Regisseur Peter Bogdanovitch und anderen. Es geht ihnen vor allem um Welles' fast fertig hinterlassenen, aber aus rechtlichen und finanziellen Gründen auf Eis liegenden Film "The Other Side of the Wind", ein Projekt, das - nach kurzen Einblicken - ein Meisterwerk zu sein verspricht und seinem Regisseur nach eigenem Bekunden so sehr am Herzen lag wie "Citizen Kane".
Die One-Man-Band hat lange aufgehört zu spielen, aber ihre Musik klingt weiter. Und neue Stücke kommen immer noch ans Licht.
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