KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center
Mentale Montage und inneres Chaos

Publikation: Mannheimer Morgen
Autor: Wolfgang Nierlin

 

In Anlehnung an Wilhelm von Humboldts genetische Sprachauffassung schreibt der Filmwissenschaftler Gerhard Schumm in seinem Buch? Der Film verliert sein Handwerk: Der Strom unserer geduldigen Beobachtung, der vorauseilenden Vorstellungskraft, unserer intelligenten Gefühle, unserer weltzu- und weltabgewandten Träume und auch unserer Erinnerungen ist das tatsächlich primäre und wirksame Medium, wenn vom Film als Medium die Rede ist.? Als lebendige Tätigkeit gründet der Film für ihn vor allem auf einem subjektiven Vermögen, in dem Sehfähigkeit, Welterfahrung und Erinnerungskraft zusammenlaufen. In einer Art "inneren Montage" verwandelt sich die Filmwahrnehmung selbst in einen Gestaltungsprozeß, der das repräsentiert, was zuvor konstruiert wurde und so seinerseits als (Vor-)Bild für die Filmgestaltung dienen kann.

 

Mit den daraus resultierenden komplexen Wechselwirkungen zwischen ?Wahrnehmen und Gestalten? beschäftigte sich am vergangenen Wochenende das 18. Mannheimer Filmsymposium. Im Cinema Quadrat, das bis auf den letzten Platz besetzt war, wagte Gerhard Schumm deshalb auch ein Experiment. Um zu zeigen, daß Wahrnehmung kein Kopierprozeß ist und jeder Film beim Sehen im jeweiligen Betrachter neu entsteht, konfrontierte er das Publikum zunächst mit einem Text von Peter Weiss. Darin beschreibt der Schriftsteller und Maler, der auch als Filmemacher arbeitete, Maya Derens avantgardistischen Film ?At land? aus dem Jahre 1944. Diese Beschreibung nahm Schumm zum Anlaß, eine neue Schnittfassung des Films zu erstellen, diese dem Zuschauer ohne Vorwarnung zu zeigen und im Vergleich mit der sich daran anschließenden Vorführung der Originalversion jene Tilgungen sichtbar zu machen, die als Indiz für einen selektiven Wahrnehmungsprozeß gelten können. Im Verlauf dieses Prozesses wurden die Zuschauer wiederum auf ihre eigenen, konstruktiven Umbildungen aufmerksam gemacht.

 

"Mentale Montage" lautete der Untertitel von Gerhard Schumms experimentellem Vortrag. Bereits das Eröffnungsreferat des Psychiaters Jörg Nikitopoulos, das sich unter Berücksichtigung veränderter Bewußtseinszustände mit den Wahrnehmungsbedingungen aus neurobiologischer Sicht beschäftigte, lieferte Hinweise auf den schöpferischen Prozeß der Wahrnehmung. Auch wenn die physiologischen Organisationsmechanismen zwischen Sehen, Denken und Sprechen noch nicht hinreichend bekannt sind, konnte der Kölner Psychologe Dirk Blothner in Anlehnung an Grodals Modell der Filmwirkung plausibel zeigen, wie ein Film sich im Bewußtsein entfaltet. Anhand der Eröffnungssequenz von Alfred Hitchcocks ?Vertigo? beschrieb er den Zuschauer als "aktiven Sinnproduzenten", der sich in einem ständigen Austauschprozeß mit dem Film befinde, ihn mit den eigenen Erfahrungen abgleiche und im Rezeptionsverlauf immer wieder neu interpretiere und bewerte. Da Film und Seelisches eine Einheit bildeten und demnach das Leben nach ähnlichen Prinzipien wie die Kunst funktioniere, werde Verstehen überhaupt erst möglich. Blothner führte in diesem Zusammenhang den Begriff der Psychästhetik ein, um die filmische Funktionsweise der Psyche zu beschreiben und um jenen Satz des Meisterregisseurs Hitchcock zu beglaubigen, wonach das Publikum "Teil der Szene" sei.

Daß der Grad möglicher Identifikation mitunter erheblich schwankt, wie nicht zuletzt die traumhaft-surrealen Filme Maya Derens zeigen, könnte die Tragfähigkeit dieses Modells zumindest für den Experimentalfilm fraglich machen. In einem kurzen Ausflug in die Filmgeschichte, namentlich zu den Brüdern Lumière und zu Jean-Luc Godard, konnte Thomas Ibach nachweisen, wie durch die Annäherung des Kamerastandpunkts an die Handlungsachse der distanzierte Blick in einen subjektiven übergeht. Daß dabei beide Blicke zusammenwirken, der quasi objektive Blick auf den Handelnden und der Blick vom Handelnden aus, ermöglicht demnach erst jene "fiktionale Identifikation", die nicht nur im zeitgenössischen Mainstreamkino die Rezeption bedingt.

 

Der Züricher Filmwissenschaftler Robert Blanchet brachte die identifikatorischen Momente der Wahrnehmung schließlich zusammen mit der Dynamisierung des Kinoerlebnisses in US-amerikanischen "Blockbustern" seit Mitte der siebziger Jahre. In Anlehnung an John Austins Theorie der Sprechakte und mit Ausschnitten aus einschlägigen Produktionen konnte er verdeutlichen, wie hier das Ereignis im Zuschauer produziert und damit der Rezeptionsprozeß selbst zur Erfahrung wird. Wo laut Aussage der Filmregisseure der Zuschauer das Chaos in sich spüren soll, muß dann auch Hitchcocks Diktum über das teilnehmende Publikum verblassen. Denn schließlich zielt das zeitgenössische Action-Kino nicht mehr auf Identifikation, sondern auf physische Überwältigung. Ob dabei neue Formen des Erzählens generiert werden oder aber das Erzählerische aus den Filmen verschwindet, darüber herrscht einstweilen noch Uneinigkeit.

 

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