Publikation: Rheinpfalz Autor: Dors M. Trauth-Marx
Wenn 100 Menschen gemeinsam den selben Film betrachten - haben sie dann einen Film gesehen oder 100? Auf diese Frage ließe sich reduzieren, was Thema des 18. Mannheimer Filmsymposiums war: das "Spiel" nämlich zwischen Filmemacher und Betrachter. Mit der Themensetzung schien das Cinema Quadrat einen Nerv getroffen zu haben; denn die Vorträge und Filmvorführungen waren so gut besucht, dass im Kino im Collini-Center sogar die Treppen besetzt waren.
Unter dem Titel "Wahrnehmen und Gestalten" breiteten zehn namhafte Referenten anhand von Filmbeispielen ein ganzes Spektrum verschiedenster Beiträge aus - von der Frage, wie die Erlebniswelt des Spielfilms entsteht, über die Analyse der Wirkung von Geräuschen, Effekten und Musik auf den Zuschauer bis zu Werkstattberichten über Kamera und Schnitt. Als spannend erwies sich dabei die Erkenntnis der Wechselwirkung zwischen "gestalten" und "wahrnehmen"; denn einerseits beeinflussen oder manipulieren Regisseure, Kameraleute und Cutter durch die optische und akustische Gestalt des Films die Wahrnehmung des Zuschauers, andererseits aber wirken veränderte Seh- und Hörgewohnheiten des Publikums auf die Arbeit der Filmemacher zurück.
Auch neue technische Entwicklungen, wie das Cinemascope-Verfahren in den 50er Jahren, hatten und haben Einfluss auf formale und inhaltliche Gestaltung. So vertrat der Berliner Filmjournalist Gerhard Midding in seinem Referat die Ansicht, das Cinemascope-Format habe besonders jenen Filmemachern genutzt, die sich intensiv mit der Arbeit der Schauspieler auseinander setzten. Seine These: Der Zuschauerblick sei bei einer besonders breiten Leinwand genauer; dies wiederum zwinge den Darsteller zu erhöhter Wahrhaftigkeit des Spiels.
Das Problem des relativen Standpunkts einer Kamera zur Szene illustrierte der Ludwigshafener Filmwissenschaftler und Kameramann Thomas Ibach mit einer filmischen Rarität. Die schlicht ¸¸Film" genannte Arbeit des US-Regisseurs Alan Schneider von 1965, nach einem Drehbuch des Dramatikers Samuel Beckett, erwies sich als philosophischer Diskurs zum Thema Sehen und Nicht-gesehen-werden-wollen, beziehungsweise Selbst-Erkenntnis und Angst, 22 Minuten lang, schwarz-weiß und völlig ohne Worte, mit dem gealterten Buster Keaton als trauerverschatteter Hauptfigur.
Der Mannheimer Rechtsanwalt Peter Bär wiederum, seit 22 Jahren beim Cinema Quadrat ehrenamtlich engagiert und verantwortlicher Leiter des Symposiums, wies auf eine andere Seite des ¸¸Spiels" mit dem Zuschauer hin. So pflegt der Amerikaner David Fincher in seine Filme Einzelbilder einzuschneiden: Bilder, die, da sie nur für eine 24stel Sekunde sichtbar sind, vom Auge kaum wahrgenommen werden und dennoch im Gefüge des Ganzen Sinn ergeben.
Erreicht ein Filmemacher mit seinen Intentionen tatsächlich das Publikum? Wie gestaltet sich der Dialog zwischen Filmemacher und Betrachter? Und welche Rolle spielt dabei das Unbewusste? Solche Fragen konnten immer nur ausschnitthaft beantwortet werden. Aber gleichgültig, ob Kurzvortrag oder Langfilm: Es gab reichlich Stoff zum Nachdenken und für lebhafte Diskussionen bis spät in die Nacht. Denn nicht zuletzt sind die Mannheimer Filmsymposien Tage der Begegnung: zwischen Theoretikern, Praktikern und ihrem Publikum.
zurück
|