Publikation: Mannheimer Morgen
Autor: Julia Olbrich
Sie ahnt nichts von ihrem grausamen Ende, als es an der Tür klingelt. „Dringgg!“ Die Kamera fängt in Großaufnahme das Gesicht der alleinstehenden älteren Dame ein, die zum Hörer der Gegensprechanlage greift. „Ich bin Klempner und soll bei Ihnen was reparieren!“, dringt eine Stimme durch den Hörer. Die Leinwand spaltet sich: Links im Bild die ahnungslose Dame, die sich schnell noch über die Schürze streicht. Rechts im Bild der Blick auf die Treppenstufen, über die der Mann langsam nach oben steigt. Nur der Zuschauer weiß: Der vermeintliche Klempner ist ein Serienmörder. In seinem Film „Der Frauenmörder von Boston“ teilt Richard Fleischer 1968 den Raum in verschiedene Perspektiven (Split Screen) ein – und findet deswegen Eingang in das Filmsymposium des Cinema Quadrat: Denn hier dreht sich drei Tage lang alles um das Thema „Der filmische Raum“.
Bereits zum zwanzigsten Mal veranstaltet damit das Team um Peter Bär die Diskussionsrunde für Kinofreunde und Fachleute. Die Atmosphäre ist ungezwungen, fast familiär, das Programm straff und ambitioniert. Nach dem Motto „Der Zuschauer nimmt nicht den Filmraum, sondern nur den Inhalt wahr“ gilt es, die Sinne der Zuschauer für den „filmischen Raum“ umfassend zu schärfen.Neben der Zeit zählt der Raum zu den Grundelementen der Illusion im Kino. Regisseure benutzen die komplexe Raumsprache – oft vom Zuschauer unbemerkt – , um bestimmte Wirkungen zu erzielen. Ernst Schreckenberg, Medienpädagoge aus Dortmund, gibt Beispiele aus dem akustischen Raum. „Es gibt nichts Schlimmeres als ein Ton oder Geräusch, das der Zuschauer nicht den Bildern zuordnen kann“, erklärt er. Der Zuschauer sucht, woher das Geräusch kommen kann, und das erzeugt Spannung. Wie in der Anfangsszene zu „Spiel mir das Lied vom Tod“ (Sergio Leone, 1968): Während auf der Leinwand dunkle Gestalten in das Häuschen des alten Schaffners eindringen, erklingt im Hintergrund ein undefinierbares fiependes Ge- es sich als Windrad, das hinter dem Häuschen steht – und die Zuschauer sofort in Hochspannung versetzt hat.Akustische Raumelemente können aber auch in eine Szene hineinziehen. Zum Beispiel dann, wenn Hintergrundmusik plötzlich Teil einer Szene wird: Bei „Alice doesn’t live here anymore“ (Martin Scorsese, 1974) endet die Filmmusik, weil die Mutter das Radio ausdreht.Durch Raumsprache werden ganze Vorstellungswelten hervorgerufen. „Viele Dinge werden für uns erst greifbar, weil wir es im Film gesehen haben“, meint Rüdiger Suchsland, Filmpublizist aus München, und gibt ein anschauliches Beispiel: „Viele Menschen haben Küssen gelernt durch Schauspieler wie Cary Grant, Russel Crowe oder Brad Pitt.“ Dass das Kino ganze Images von Ländern prägt, zeigt er anhand des amerikanischen Films. Die Amerikaner fanden und finden ihre Identität in der Raumeroberung, meint er. Western und Piratenfilme sind deswegen bis Anfang der 60er die vorherrschenden Genres, danach greift die Boom-Sparte der Science-Fiction- Filme das Thema auf.Die Darstellung des Raumes kann auch dazu dienen, dem Zuschauer einen Wissensvorteil zu verschaffen. Dies geschieht durch die „Split Screens“, die mehrere Handlungsstränge gleichzeitig auf die Leinwand bringen. Ihren Höhepunkt findet diese Technik in den US–Komödien der späten 50er, frühen 60er. Malte Hegener, Filmwissenschaftler aus Jena, zeigt eine Filmszene aus „Bettgeflüster“ (1959) mit Doris Day und Rock Hudson. Die beiden müssen sich im Film einen Telefonanschluss teilen und schlittern über zahlreiche Streitereien in eine Liebesgeschichte. Die geteilte Leinwand gibt einen Blick auf die Streithähne am Telefon und auf das bevorstehende Happy-End frei: Denn noch während sich die Protagonisten deftig provozieren, kann der Zuschauer auf beiden Seiten ein beseeltes Lächeln entdecken.
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