KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center

22. Mannheimer Filmsymposium
16.-18. November 2007

 

REFERATE UND REFERENTEN

 

 

 

Nico Hofmann

Geschichtsstunde zur Prime Time

Vermittlung und Verarbeitung von Historie mittels Fernsehfilmen

 

Nico Hofmann

Regisseur, Produzent, Berlin

 

Mehrteilige Fernsehfilme zu historischen Ereignissen, die die (deutsche) Nation bewegten stellen den Schwerpunkt seiner Arbeit dar. Mit dem 2-Teiler wie „Dresden“ oder „Die Flucht“ erreichte er bis 14 Millionen Zuschauer und damit weit mehr als jede authentische Dokumentation. Hinzu kommt, dass er die Zuschauer auch aufs tiefste  emotional bewegt.

Wie viel Fiktion darf sein und wie viel Authentizität muss ein Film haben, der eine  bestimmte Historie zum Thema nimmt? Gibt es eine zulässige oder gar notwendige Mischung von „Quote“ und „Anspruch“ und wie findet man die richtige Mischung? Gibt das Fernsehen mehr Freiheiten oder ist die Abhängigkeit von der Zuschauerquote eine Fessel im Kopf? Und: kann man heutzutage Historie nur mit emotional berührenden Geschichten „verkaufen“?
Vom „Umgang mit Vergangenheit  im (Fernseh-)Film“ weiß kein anderer besser zu berichten. Nico Hofmann stellt sich im Gespräch kritischen Fragen.

 

Der Referent:  Prof. Nico Hofmann
Nico Hofmann, Jahrgang 1959, ist Produzent und Vorsitzender der Geschäftsführung teamWorx Television & Film GmbH. Nach einem Zeitungs-Volontariat studierte er an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Kinodebüt "Land der Väter, Land der Söhne" (Bayerischen Filmpreis 1989). Regie bei Kino- u. Fernsehfilmen: Serienklassikers "Balko", Justizkrimi "Der große Abgang" und der medienkritische Thriller "Der Sandmann" mit Götz George erregten Aufsehen. Seit 1995 Professor für den Fachbereich "Szenischer Film" an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg . 1998 "Solo für Klarinette“ Produzent großer historischer TV-Mehrteiler wie "Der Tunnel", "Die Luftbrücke - Nur der Himmel war frei", "Die Sturmflut" und "Dresden". Diese sowie  Filme wie "Wolfsburg", "Toter Mann" und "Stauffenberg" erzielten große Erfolge bei Publikum und Kritik und gewannen zahlreiche Preise.

 

Manfred Osten

Sind wir eine Gesellschaft des Vergessens ?

Kulturelles Gedächtnis und die modernen Medien

 

Manfred Osten
Kulturhistoriker, Bon

 

Jan Assman hat die moderne Gesellschaft definiert als eine „Gesellschaft des Vergessens“. Welche Relevanz hat dies für die modernen Medien, vor allem den Film und das Fernsehen? Wird die Erosion des kulturellen Gedächtnisses begleitet von einem Verlust personaler und kollektiver Identität? Fragen, denen nachgegangen werden soll vor dem Hintergrund der Einsicht Kierkegaards, dass das Leben zwar nach vorwärts gelebt, aber nur nach rückwärts verstanden wird. Thematisiert werden vor allem geistesgeschichtliche, sozio-kulturelle und hirnphysiologische Implikationen von Erinnern und Vergessen. Ebenso Tendenzen eines sekundären Analphabetentums im Zeichen einer Medien- und Kommunikationsgesellschaft, die Bildung zunehmend versteht als Erwerb von Zukunftskompetenz ohne Herkunftskenntnisse.

 

Der Referent:  Dr. Manfred Osten
Geboren am 19. Januar 1938 in Ludwigslust, 1952 Flucht nach Westdeutschland.  Studium der Rechtswissenschaften, Philosophie, Musikwissenschaften, Literatur in Hamburg, München und Luxemburg. 1969 Promotion.  1968–1995 tätig im diplomatischen Dienst der BRD in Bonn, Paris, Jaunde (Kamerun), Fort Lamy (Tschad), Bonn, Budapest, Melbourne und Tokyo. 1995–2003 Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung in Bonn.

Veröffentlichungen (Auswahl): „Alles veloziferisch' oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit“, Zur Modernität eines Klassikers im 21.  Jahrhundert (2003, Insel).
“Das geraubte Gedächtnis“, Digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur (2004, Insel). „Die Kunst, Fehler zu machen“ (2006, Suhrkamp).

 

Rüdiger Suchsland

Ars oblivionalis - die Kunst des Vergessens

Gedächtniskultur und die Ambivalenz von Erinnerung im Kino

 

Rüdiger Suchsland
Filmkritiker, Berlin

 

Das Vergessen hat keinen guten Ruf. Vergesslichkeit gilt mindestens als Nachlässigkeit, oft genug als moralisches Vergehen, als Sünde. Wer gar absichtlich vergessen will, gilt als ein schlechter Mensch, denn er versäumt vermeintlich seine Pflichten gegenüber Anderen und sich selbst. Umgekehrt scheint die Voraussetzung aller Kultur in Erinnerung zu liegen. Noch nie gab es soviel Erinnerung, so viel Denkmäler, so viel „Gedächtniskultur“ wie heute. Eine ihrer gegenwärtigen Utopien liegt dabei in der Vorstellung möglichst umfassender Erinnerung und weitgehender Verfügbarkeit alles dessen, was je erlebt, gedacht und erinnert wurde.

Gerade auf einer Veranstaltung, die die Erinnerung ins Zentrum stellt, möchte ich daher an das Vergessen erinnern, und versuchen, anhand einiger historischer Motive eine kleine Kulturgeschichte des Vergessens zu skizzieren und dieses zumindest ein Stück zu rehabilitieren. Vergessen ist nicht allein ein Verlust, sondern auch eine Befreiung.

Dies alles muss beim Mannheimer Film-Symposium natürlich besonders im Hinblick aufs Kino geschehen: Im zweiten Teil soll daher versucht werden, im Gestrüpp der Filmgeschichte, vor allem der neueren, nach einigen Leitmotiven der Dialektik Vergessen/Erinnern zu fahnden, diese motivgeschichtlich zu ordnen und soweit wie möglich zu kategorisieren – dies auch in der Hoffnung, dass solche Kategorien sich während der Tagungsdiskussionen dann als erinnernswert oder als „zu vergessen“ erweisen. Das Kino jedenfalls, das wird zu zeigen sein, ist nicht weniger eine Kunst der Erinnerung, als auch eine des Vergessens.

 

Der Referent: Rüdiger Suchsland
Studierte Geschichte und Philosophie in München, Tübingen und Berkeley/Ca., Abschluss in München mit einer Arbeit über „Kulturkritik und Kulturpessimismus im späten deutschen Kaiserreich 1910 – 1918“.
Seit dem Studium Arbeit als freier Journalist für allem für Kulturredaktionen. Seit 1998 Schwerpunkt im Bereich der Filmkritik, daneben Wissenschaft und Sachbuch. Autor u.a. beim Film-Dienst, FAZ, Frankfurter Rundschau, Deutschlandfunk, Telepolis und div. andere.
Daneben Vorträge und Moderationen.
Seit 1997 Redakteur des Internetmagazins www.artechock.de. 1998 – 2004 Mitarbeiter des Filmfest München. Seit 2002 Mitarbeit beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg, seit 2005 beim Festival des Deutschen Films, Ludwigshafen. Seit 2004 Mitglied im Vorstand des Verbandes der deutschen Filmkritik.

 

Rolf Coulanges

Das Prinzip Dora
Spurensuche und Geschichtsaufarbeitung im Dokumentarfilm

 

Rolf Coulanges,
Director of Photography, Stuttgart

 

Unser Kurzfilm (Das System Dora, 17 min., 35 mm Schwarz-Weiss mit UT, 1997) leistet einen Beitrag zum Thema „Erinnern - Nicht vergessen - Nicht verarbeiten“. Wir haben einen Film gemacht, der den naiven, unbefangenen Blick des Fremdlings nutzt, um die Zeugen der Geschichte so zu betrachten, wie man sie heute vorfinden kann, und die Erinnerungen der Überlebenden in der Subjektivität nachzuzeichnen, in der sie traumatisch fortbestehen.
Die Idee und den Anlass zu diesem Projekt boten die zufällig gefundenen und freigelegten Reste eines Außenlagers des größten Rüstungsprojektes der Nationalsozialisten, der Waffenfabrik Dora-Mittelbau, sowie der Gang in die unterirdischen Stollen des Werkes, in denen die Häftlinge monatelang eingesperrt leben und arbeiten mussten

 

Der Referent:  Rolf Coulanges

Coulanges studierte erst Philosophie, dann Film und arbeitet seit 1979 freiberuflich als Kameramann. Er drehte auch als Regisseur mehrere Dokumentarfilme, meist in Lateinamerika, darunter den Film Sacy Perere, der beim Londoner Filmfestival ausgezeichnet wurde. Er unterrichtete Kamera an der dffb Berlin und der Filmakademie Ludwigsburg, war von 2000 bis 2005 Leiter der Catedra Fotografía an der internationalen „Filmschule der 3 Welten“ in Havanna und ist heute Professor für Filmfotografie an der Hochschule der Medien Stuttgart. Jüngste Arbeiten als Kameramann sind der Dokumentarfilm Chercher la vie und Harald Bergmanns Kinofilm über das Leben Friedrich Hölderlins Scardanelli. Publikationen zu den Kameraleuten Raoul Coutard und Robby Müller.

 

Ungewollte Erinnerungen

Vergessene Filme

 

Heiner Roß

Kinohistoriker und Filmarchivar, Hamburg

 

Die alliierten Siegermächte hatten beschlossen, Film als Mittel der "Erziehung zur Demokratie" einzusetzen. Sie waren sich bewußt, daß nach Jahren der NS-Propaganda es sehr kompliziert werden würde, die Erinnerung an die historischen Fakten zu beleben und damit auch der Verantwortung und Scham Platz zu schaffen. Die Siegermächte hatten in den Kriegsjahren die "Gegenpropaganda" eingeübt. Jetzt mußten sie sofort überzeugen. Der härteste Winter 1946/47 hatte die Deutschen hungern lassen, sie demonstrierten gegen die knappen Lebensmittelrationen, die ihnen zugestanden waren. Doch der Hunger (in der Welt) hatte Ursachen und der in Deutschland auch. Der Film HUNGER (Dt-am. Zone 1948, Karlheinz Schmidt) wurde boykottiert. Eine "philosophisch-politische Betrachtung von Deutschlands Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" (B. Hahn) ist der Film ES LIEGT AN DIR (Dt-am.Zone 1949, Wolfgang Kiepenheuer). Er sollte "moralisch-erzieherisch" (B. Hahn) wirken. Wie HUNGER ein Kompilationsfilm, arbeitet er mit Erinnerung und Vergessen. Drehbuch beider Filme: Friedrich Luft.

 

Der Referent:  Heiner Roß

Heiner Roß (Jg. 1942) Kinosüchtig seit 1949. Ab 1950 alle Stationen von Filmclubarbeit, seit 1957 auch Filmprogramme. 1963 nach Berlin (Freunde der Deutschen Kinemathek e.V., Internationales Forum des Jungen Films) Geschäftsführer und Programmbeirat. 1979 bis 1986 Kommunales Kino METROPOLIS, Hamburg. Ausbau zur "Kinemathek Hamburg e.V.". Publikationen zum Algerischen Film, Schwedischen Stummfilm, Materialien zur Filmgeschichte, Reeducation, Datenbanken zum Thema: Zigeuner im Film. Forschung zur Reeducation, Hanus Burger und der Geschichte von "Die Brücke", Hamburg.
Ideengeber für die Mannheimer Symposien 1986,Referent beim Holocaust-Seminar 2004

 

Gábor Tallai

Die wahre Gechichte eines nicht existierenden Propagandafilms
Imre Nagy’s Prozess 1958

 

Gábor Tallai
Stellvertretender Leiter und Programmdirektor Museum Haus des Terrors, Budapest

 

Die ungarische Öffentlichkeit wusste über vierzig Jahre nichts über einen Propagandafilm, den die Dirigenten der Diktatur in Auftrag gaben. Sie taten es mit der eindeutigen Zielsetzung, den Märtyrer und Ministerpräsidenten des ungarischen Volksaufstandes von 1956, Imre Nagy als Landesverräter, als bösen Agenten der Westmächte zu brandmarken. Nachdem sie erahnten, dass die Freigabe des Propagandastreifens doch zu gefährlich war und ihren Absichten nicht entsprach, ließen sie die Filmrollen für Jahrzehnte verschwinden. Der Film existierte nicht, seine Existenz wurde bestritten. Im Jahre 2002 wurde er zum ersten Mal dem Publikum im frisch eröffneten Museum „Haus des Terrors” präsentiert. Die Wirkung war elementar, und zeigte, dass selbst die professionellsten Techniken der Gehirnwäsche ihr Ziel verfehlen können. Der „nicht existierende” Propagandafilm über den Imre Nagy-Prozess offenbarte die wahre Natur der Diktatur und ließ das Publikum zugleich in die Tiefen menschlicher Tragödien blicken. Letzendlich ist alles nur eine Frage der Zeit: „Wer vor seiner Vergangenheit flieht, verliert immer das Rennen.”

 

Der Referent:  Gábor Tallai

Jahrgang 1970, studierte an der Pädagogischen Fakultät der Eötvös Lóránd Universität Budapest die Hauptfächer Literatur und Geschichte. Unterstützt von der Konrad Adenauer Stiftung absolvierte er in Deutschland einen Lehrgang im Fachbereich Medienwissentschaften und Fernsehjournalismus. Zwischen 1996 und 2000 arbeitete er als Journalist und Redakteur bei verschiedenen ungarischen Tageszeitungen (Új Magyarország, Napi Magyarország, Magyar Nemzet). 1999 wurde er mit der Leitung der Außenstelle Ungarns bei der Frankfurter Buchmesse beauftragt, ab 2001 war er strategischer Direktor der Ungarischen Nachrichtenagentur. Seit 2003 ist er stellvertretener Leiter und Programmdirektor des Budapester Museums Haus des Terrors. Gabor Tallai veröffentlicht als Autor Novellen, im Jahre 2000 erhielt er für seinen Band „Árnyékőrző” (Schattenhüter) den ungarischen Hajnóczy Preis. 2004 übetrug er Ernst Noltes „Der Faschismus in seiner Epoche” ins Ungarische. Gabor Tallai ist verheiratet und Vater dreier Kinder. (Er referiert in deutsch)

 

Günter Minas

„Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten“
Sigmund Freud revisited

 

Günter Minas,
Dipl.-Psych., Publizist, Mainz

 

Drei Stichworte gaben 1914 den Titel für einen kurzen behandlungstechnischen Artikel Sigmund Freuds ab und wurden seitdem nicht nur zum Motto der klassischen psychoanalytischen Therapie, sondern auch zur Maxime dessen, was wir „soziale Erinnerung“ nennen, aber auch ihrer individualistischen Wiederspiegelung im Feld des „creative writing“, der „blogs“ und der Biografie-Bewegung. Zum 90sten Geburtstag Margarete Mitscherlichs („Die Unfähigkeit zu trauern“) taucht die Begriffstrias ebenso wieder auf wie als diesjähriges Kongressthema der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Das Kino „mit seiner Affinität zu Traum und Trauma“ (B. Schweizerhof) wird immer wieder als besonders geeignet für die Freudsche Anleitung reklamiert.
„Dieses Durcharbeiten der Widerstände mag in der Praxis zu einer beschwerlichen Aufgabe für den Analysierten und zu einer Geduldsprobe für den Arzt werden.“ (Originalton Freud) Was genau hat Vater Freud in seinem Artikel beschrieben? Wie fügt sich der angesprochene Prozess in das philosophische Gesamtgefüge der Psychoanalyse? Und vor allem: Wer ist in der kulturellen Übertragung und Ausformung der „Vergangenheitsbewältigung“ der Arzt und wer Patient?

 

Der Referent: Dipl. Psych. Günter Minas,

Geboren 1953 in Flensburg, Studium der Psychologie, der Kunstgeschichte und der Bildenden Kunst in Konstanz und Braunschweig, seit 1981 freiberuflicher Publizist, Ausstellungsmacher und Programmkurator, seit 1987 in Mainz. Zahlreiche Veröffentlichungen, vor allem zu Themen im Grenzbereich zwischen Film und Kunst. Langjähriger Berater der Filmfestivals Berlin, Oberhausen und Mannheim-Heidelberg.
Umfangreiche Vortrags- und Kuratorentätigkeit für Institutionen der auswärtigen Kulturarbeit in Europa, Asien und den USA. Lehraufträge an mehreren chinesischen Hochschulen. Spezialgebiete u. a. Joseph Beuys, Pier Paolo Pasolini, Medienkunst, internationaler Kulturaustausch. Letzte Buchveröffentlichung: „Zeitgeist mit Eigensinn. Eine Filmfestivalgeschichte“, Mannheim, 2001 (mit Michael Kötz). www.minas-mainz.de

 

Film und Gedächtnis

 

Heike Klippel,
Filmwissenschaftlerin, Frankfurt

 

Das Kino um die letzte Jahrhundertwende war ein anderes, als das, was wir heute kennen, und auch das Gedächtnis um 1900 war ein anderes – oder vielmehr, es wurde anders darüber gesprochen, als wir das heute tun. Seine Speicherkapazitäten waren gar kein Thema, sondern vielmehr seine Situierung zwischen Materiellem und Geistigen, seine Fähigkeiten, die einerseits dem Mechanischen vergleichbar waren, aber ebenso eine kreative, imaginative Kraft hatten. 
Auch das Kino war durch das Zusammentreffen des eigentlich Unvereinbaren charakterisiert: für Georg Lukács (1911) ist es ganz Oberfläche, Abbild, Physis, seelenlos und dennoch über die Maßen lebendig und phantastisch. Sowohl die Gedächtniskonzepte wie auch die Auseinandersetzung mit dem Kino sind um 1900 von Zweifel und Beunruhigung geprägt, von der Sorge um die verlorene Bedeutung der Subjektivität. Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen wird „Le mystere des roches de Kador“ diskutiert, ein Film, in dem die Protagonistin von ihrem Gedächtnisverlust geheilt wird – durch das Kino.

 

Die Referentin:  Dr. Heike Klippel
Professorin für Filmwissenschaft an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Mitherausgeberin von „Frauen und Film“. Veröffentlichungen zu Themen feministischer Filmtheorie, Zeit, Film und Alltag, u.a. „Gedächtnis und Kino“ (Frankfurt a.M. 1997), „Play Time – ein Film und 8 Perspektiven“ (Hg. zus. mit Michael Glasmeier, Münster 2005); in Vorbereitung sind die Herausgabe eines Bandes zu Geschichte und Praxis der Film-Programmierung und eine Monographie zu „Zeit, Frauen und Kino“.

 

Ralf Michael Fischer

Die Suche nach den Nicht-Bildern zwischen den Bildern

Vergessen, Verdrängung und Erinnerung in den Filmen Chris Markers

 

Ralf Michael Fischer
Kunsthistoriker, Frankfurt am Main

 

„Ich werde mich mein Leben lang danach fragen, wie Erinnerung funktioniert, die nicht das Gegenteil von Vergessen ist, vielmehr seine Kehrseite. Man erinnert sich nicht, sondern man schreibt das Gedächtnis um, wie man die Geschichte umschreibt.“
In diesem Zitat aus seinem Filmessay Sans Soleil verdichtet Chris Marker eines seiner zentralen Themen: die Frage nach individuellen und kollektiven Formen der Erinnerung und Verdrängung. Der Vortrag will exemplarisch erkunden, wie der Regisseur in seinen hochkomplexen Wort-Bild-Montagen den dazugehörigen Mechanismen nachspürt, vor allem dem Zusammenhang zwischen Bildern und Erinnerung.

 

Der Referent:  Dr. Ralf Michael Fischer

Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in Tübingen und an der University of Massachusetts in Amherst. Mitarbeit bei den Französischen Filmtagen in Tübingen von 1993 bis 1998. Von 2001 bis 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Kunstgeschichtlichen Instituten in Marburg und Frankfurt. Seit Juli 2007 Mitarbeiter des Projekts „Genre und Genrekritik. Raumkonstruktionen des Erzählkinos und ihre filmische Reflexion“ an der Universität Frankfurt.
Dissertation über die Konstruktion von Raum und Zeit im Œuvre Stanley Kubricks (erscheint voraussichtlich 2008). Arbeitsschwerpunkte: documenta-Geschichte; amerikanische Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts; Wechselwirkungen zwischen Fotografie und Malerei; Film. Lehraufträge zu Malerei, Fotografie und Film (Kurosawa, Kubrick, „film noir“ und Neo-Noir, französisches Kino der 60er Jahre, Ingmar Bergman). Publikationen zu Kurosawa, Kubrick, Edward Hopper und Jackson Pollock.

 

Sabine Ibertsberger

„Ich suche dich im blutenden Europa…“
Zerrbilder der Erinnerung in Lars von Triers Europa-Trilogie

 

Sabina Ibertsberger,
Medienwissenschaftlerin, Wien

 

Der Titel des Vortrags greift ein Zitat aus dem surrealistischen Krimidrama THE ELEMENT OF CRIME (1984) auf, mit dem Lars von Trier zu einem Kultregisseur des Avantgarde-Kinos avancierte. Im Unterschied zu seiner späteren DOGMA-Phase beschäftigte er sich in seinem Frühwerk vor allem mit der Aufarbeitung des Dritten Reiches aus dänischer Sicht. Bereits in seinem Abschlussfilm BILDER DER BEFREIUNG (1983) an der Danske Filmskole verwendete Trier Dokumentaraufnahmen aus der Besatzungszeit und verknüpfte sie mit metaphorisch aufgeladenen Symbolen und Zitaten aus Nazideutschland zu episodischen Handlungssequenzen.
Seine phobische Sicht auf das traumatisierte Nachkriegseuropa stand im Mittelpunkt seiner Europa-Trilogie (ELEMENT OF CRIME, EPIDEMIC, EUROPA), die 2005 erstmals in Deutschland komplett im Kino zu sehen war und seither in einer kommentierten DVD-Edition erschienen ist. Darin skizziert Trier Deutschland als einen Krankheitsherd der Zivilisation, der ganz Europa mit einem Virus verseucht. Dafür entwirft er albtraumhafte Zerrbilder der Erinnerung, die aus drei völlig unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden. Durch die Stimme des Erzählers führt Trier sein Publikum hypnotisch in das Reich der Verdrängung zurück und revitalisiert die Geister der Vergangenheit über verstörende Bilder eines „blutenden“ Europas, die sich jeder Historisierung zu widersetzen scheinen.

 

Die Referentin: Dr. Sabina Ibertsberger,

geb. 1966 in Salzburg, Dr. phil., 1998-2002 Publizistik- und Kommunikationswissenschaften (Schwerpunkt Audiovision) und Germanistik in Salzburg und Amsterdam (International School for Humanities & Social Sciences). 2003–2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Sprach- und Literaturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth. 2006 Promotion über „Das DOGMA-Konzept und seine Folgen. Zur Herausbildung einer ästhetischen Kategorie“. (Verlag Dr. Kovac, Hamburg, 2007). 2006-2007 Vertretung der Juniorprofessur des BA Theater & Medien an der Uni Bayreuth. Forschungsschwerpunkte: DOGMA, Film- und Medienanalyse, postmoderne und feministische Theorien, Philosophy of Psychoanalysis, Konstruktivismus und Systemtheorie, Cybertheorien und Neue Medien, Transformation der Dispositive. Außerdem: Coaching im Bereich Persönlichkeitsbildung, Kommunikation, Marketingstrategien und EDV.

 

Robert Geib

Vergangene Bilder – Bilder der Vergangenheit
Gedächtnis und Erinnerung im neuen japanischen Film

 

Robert Geib,
Medienwissenschaftler, Jena

 

Der Vortrag reflektiert die Tatsache, dass einige Filme des neuen japanischen Films (der sog. „New New Wave“) Erinnerung und Gedächtnis als treibende inhaltliche und formale Themata verwenden. Damit bilden sie ein filmisches Korrelat zu den Diskursen der Kultur- und Medienwissenschaft, die in den letzten Jahrzehnten Erinnerung und Gedächtnis als Zentrum neuer und alter Konzepte entdeckt haben.
Durch die Analyse der ästhetischen Strukturen dreier japanischer Filme; EUREKA (2000, Shinji Aoyama), CURE (1997, Kiyoshi Kurosawa) und AFTER LIFE (1999, Hirokazu Koreeda); lassen sich komplexe filmische Überlegungen zu Erinnerung und Gedächtnis aufzeigen. Wo in AFTER LIFE Filme und Videoaufzeichnungen als ewige Erinnerung sprichwörtlich Erlösung versprechen, so sind in CURE technische Verbreitungsmedien als Ursache einer generellen Amnesie zu identifizieren. Mit beiden Filmen lassen sich Parallelen zur aktuellen Film- und Medientheorie ziehen. In den paradoxen Zeitstrukturen EUREKAS kann dagegen eine neuerliche Überprüfung des psychoanalytisch geprägten Traumabegriffs gesehen werden, an dessen Anschluss die „trauma theory“ das Repräsentationsproblem der Postmoderne angeht. Allen drei Filmen ist gemein, dass ihre Einbindung der Themen des Erinnerns und Vergessens subtil und offensichtlich zugleich ist.

 

Der Referent:  Robert Geib, MA
Am 19.11.1981 in Jena geboren. Abitur auf einem naturwissenschaftlichen Gymnasium. Studium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena: Medienwissenschaft, Psychologie und Soziologie. April 2007 Magister-Abschluss. Interessensschwerpunkte: Filmanalyse, Kultur- und Medientheorie. Derzeit Praktika und Vorbereitung einer Promotion.
Der Vortrag basiert auf seiner Magisterarbeit mit dem Titel: „Vergangene Bilder – Bilder der Vergangenheit: Erinnerung und Gedächtnis in Eureka, Cure und After Life.