KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center

 

Rückblick 24. filmkundliches Symposium in Mannheim

 

Digitale Welten

Reine Technik oder künstlerische Chance?

 

 

 

Am 3. Oktoberwochenende 2009 fand wie in den Vorjahren im Cinema Quadrat, Mannheims kommunalen Kino, das 24. filmkundliche Symposium statt, das sich diesmal mit den Möglichkeiten künstlerischer und ästhetischer Innovation durch die Digitalisierung

beschäftigte. Im Ergebnis wurde deutlich, dass die Digitalisierung zielgerichtet eingesetzt, eine Vielzahl neuer Möglichkeiten eröffnet, gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass Vieles durch die neuen technischen Möglichkeiten zwar perfektioniert, vereinfacht und ggf. billiger gestaltet werden kann, aber in der über 100-jährige Tricktechnik des Films schon früher vorhanden war.

 

Die Veranstaltung, die sich an ein Fachpublikum aus Wissenschaft und Praxis, aber auch an den interessierten Laien wendete, stand unter dem Motto eines "Dialogs zwischen Produktion und Rezeption". Dementsprechend gab es Vorträge von Wissenschaftlern und Filmkritikern, ebenso wie Praxisberichte,  Filmbeispiele und Diskussionsrunden, jeweils zu verschiedene Facetten des Themas.

 

Rüdiger Suchsland

Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland eröffnete die Vortragsreihe mit einer Reihe kritischer Fragen, z.B. danach, wie die Digitalisierung die Verfügbarkeit von Filmen für den Einzelnen verändert hat, und damit unsere Wahrnehmung von Film generell; des Weiteren wie die Digitalisierung auch der anderen Medien (Telefon, Internetkommunikation, TV und Radio) unser Leben ständig weiter verändert. Es ist unschwer festzustellen, dass wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts an der Schwelle zu einem völlig neuen technologischen Zeitalter stehen, vergleichbar dem Umbruch mit der Erfindung der Dampfmaschine oder der Elektrizität.

 

Suchsland warf aber auch die Frage auf, ob, wenn ein Film nicht mehr substantiell vorhanden ist, sondern letztendlich nur noch aus einer Fülle komprimierter Daten besteht, damit nicht der Begriff des „Originals“ verloren geht. Hieraus folgt die weitere Frage, wer außer den Filmkünstlern zukünftig gestalterische Zugriffsmöglichkeiten haben wird  und welche Veränderungsmöglichkeiten damit eröffnet werden. Dies kann – so Suchsland - "soweit gehen, dass jeder Zuschauer zu Hause seinen eigenen Film zusammenbasteln wird".

 

Im Anschluss an diesen bewusst mehr Fragen als Antworten gebenden Eröffnungsvortrag folgten zwei sog. “Werkstattberichte“. Zum Einen von Marc Reisner, dem Leiter des audiovisuellen Studios im Nationaltheaters Mannheim, der aktuell eine vollständig digital produzierte Interpretation von Schillers Räuber produziert. Reisner berichtete, dass er sich zu einer vollständig digitalen Produktion entschlossen habe, weil diese ihm die vollkommene „Freiheiten der Abstraktion“ biete und - im Gegensatz zum fotografisch aufgenommen Film - Unabhängigkeit von Wetter,  Lichteinflüssen und sonstigen Veränderungen gewähre.

 

Diskussionsrunde

In einem interessanten Kontrast dazu stand der Werkstattbericht der VFX-Produktionsgesellschaft Pixomondo, die für die TV-Produktionsgesellschaft TeamWorX und RTL für den Fernsehzweiteiler Vulkan die Vulkanausbrüche gestaltete.

 

Während Mark Reisner durch die Entscheidung für die digitale Aufnahmetechnik die Freiheit zur Abstraktion bekam, nutzten Sebastian Leutner und sein Team die digitale Technik für eine möglichst realistische Darstellung des unmöglich Abbildbaren, das auch mit der besten Pyrotechnik nicht inszenierbar gewesen wäre, nämlich einen Vulkanausbruchs in der Eifel. Es gelang ihnen dabei eine sehr real erscheinende Darstellung dieses ungeheuerlichen Events. Interessant war eine fast beiläufige Bemerkung von Sebastian Leutner, der darauf hinwies, dass der Regisseur zunächst ganz andere Vorstellungen von der Inszenierung des Ereignisses hatte und dass die Visual-Effect-Techniker ihm erst ihre Möglichkeiten einer „realen Darstellung" des Vulkanausbruchs vermitteln mussten, womit sie natürlich auch sehr entscheidend in den dadurch veränderten künstlerischen Produktionsprozess mit eingegriffen haben und somit nicht nur "reine Technik" lieferten.

 

Für den ersten Abend war dann noch ein Vortrag von Dr. Karin Wehn über sogenannte Machinima-Filme vorgesehen, der aber leider ausfallen musste, weil Frau Wehn krankheitsbedingt nicht kommen konnte. Die Zeit wurde zu einer Ergänzung der Ausführungen von Rüdiger Suchsland genutzt, der ähnliche Szenen der beiden Verfilmungen von King Kong und die weiße Frau (1933, Regie: Cooper und Schoensack; 2005, Regie: Peter Jackson) gegenüberstellte und die Unterschiede erläuterte

 

Am Samstag Morgen begann sodann der Medienpädagoge Dr. Ernst Schreckenberg mit Beispielen der Nutzung der digitalen Aufnahmetechnik im Rahmen von üppig ausgestatteten Blockbuster-Produktionen Hollywoods. Er erläuterte wie die Regisseure Michael Mann und David Fincher mit hochempfindlichen HD-Kameras Nachtaufnahmen so gestalteten, wie sie das menschliche Auge sieht, ohne die sonst bei 35mm-Filmaufnahmen erforderliche künstliche Lichtsetzung zu benötigen. Schreckenberg verdeutlichte, dass die Filme damit ein völlig anderes Aussehen bekommen gegenüber einem fotografisch ausgenommenen Film mit Lichtsetzung und dass die neue Technik nunmehr die Alternative biete mit kleinerem Equipment und weniger Licht zu arbeiten.

 

Rolf Coulanges mit Arriflex

Der Kameramann und Dozent für Kameratechnik, Rolf Coulanges, machte zunächst einmal deutlich, dass es eigentlich in den seltensten Fällen um eine reine Entscheidung für den ganz analogen Film oder eine vollständige Digitalisierung geht und dass viele Produktionen hybrid gefahren werden und meist ein zunächst analog aufgenommener Film digital weiter verarbeitet wird.

 

Mittels in HD-Qualität mitgebrachter und durch die seitens der Firma "BEWEGTE BILDER" zur Verfügung gestellten digitaler Projektionstechnik mit 2 K-Qualität, auf die Leinwand gebrachter Bilder, lieferte Coulanges eine optimale Bildpräsentation veranschaulichte den Unterschied zwischen „Pixel“ und „Korn“, „kalter Glätte“ und „innerer Bewegtheit“ der Bilder in Filmen und zeigte somit eindrucksvoll auf, wie sich das digital aufgenommene Bild vom fotografierten Bild unterscheidet..

Er berichtete weiter, dass die vollständig digitale Produktion nicht immer die kostengünstigere Variante ist, sondern auch außerordentlich teuer werden kann, wenn mit hochauflösender Technik gearbeitet wird. Angefangen bei der Ausleihmiete von HD-Kameras, über die erforderlichen Rechenkapazitäten, bis hin einem höheren Personalaufwand, kann „digital“ ganz schön teuer werden. Dem gegenüber steht, dass das mit der 35 mm-Kamera aufgenommene Material immer noch eine bessere Bildauflösung liefert als das digital aufgenommene Material.

 

Nils Bürker referierte über die Nachbearbeitung und die Vorbereitung für eine digitale Projektion durch das sog. Mastering und darüber wie letztlich auch mittels der Nachbearbeitung im Vertrieb, beim „Schnüren“ digitaler Packages noch Veränderungen erfolgen können oder auch müssen.

 

Boris Michalski von der Produktionsfirma Noirfilm und der Kameramann Ralf Mendle sowie Andre Paulsen von der Post-Produktionsfirma "Wefadetogrey" berichteten in einem dritten Werkstattbericht von der Arbeit an dem gerade fertig gestellten Film Snowmans Land (früherer Arbeitstitel: Freed Pigs):

Sie hatten sich aus ökonomischen Gründen für eine digitale HD-Kamera, die sog. Red-One entschieden und waren begeistert von den Möglichkeiten der schnellen Prüfbarkeit und Nachgestaltung des aufgenommenen Materials. Allerdings war in diesem Fall die Produktion mit dieser Kamera nur deshalb so günstig, weil die Post-Produktionsfirma daran interessiert war, die Technik kennen zu lernen und einzuüben. So war dann auch Andre Paulsen von WEFADETOGREY nahezu bei den gesamten Dreharbeiten dabei und konnte das am Tage aufgenommen Material schnell nachgerechnet und gesichtet werden, mit der Folge entweder korrigierend eingreifen oder den Take nochmals drehen zu können. Alle im Team waren begeistert über die Möglichkeiten der neuen digitalen Technik. Der Regisseur musste sich aber der Einmischung anderer, die die Muster jetzt auch mit ansehen konnten, erwehren.

 

Dominik Schrey

Am Sonntag ging es dann in zwei weiteren Vorträgen nochmals um die Anwendung digitaler Produktions- und Post-Produktions-Techniken im Genre-Kino: Dominik Schrey wies darauf hin, dass die beiden Filme des Grindhouse Double Features: Planet Terror von Robert Rodriguez und Death Proof von Quentin Tarantino eine nostalgische Reminiszenz an das schäbige Kino der 70er Jahre darstellen, wobei Rodriguez sich für eine komplett digitale Produktion entschieden hat und Bildkratzer und Störungen digital nachbereitete, während sich im Kontrast dazu Tarantino für eine analoge Fotografie und das Unterlassen jeglicher digitaler Nachbearbeitung entschied, um die Nostalgie angemessen zu zelebrieren.

 

Dr. Ivo Ritzer von der Uni Mainz erweiterte den Blick nach Osten zum Martial-Art-Kino Hongkongs. Dies vermischte schon sehr früh und ganz selbstverständlich digitale Techniken mit traditionellen Inszenierungs- und Filmtricks und entschied offensichtlich die Frage nach den technischen Mitteln pragmatisch danach, was am schnellsten und günstigen das beste Ergebnis liefert. Hierzu stellte Ritzer Ausschnitte aus zwei Filmen, im Abstand von  fast 20 Jahre entstanden, gegenüber.

 

 

Neben dem Vortragsprogramm und den Werkstattberichten gab es Spielfilme und zwei Kurzfilmprogramme zu sehen. Bei den Kurzfilmen gab es Gegenüberstellungen von inhaltlich ähnlichen Filmen, der eine analog der andere digital produziert, was jeweils die Frage aufwarf, ob die Digitalisierung wirklich inhaltlich oder ästhetisch Neues liefert.  Andere Kurzfilme dokumentierten dagegen sehr eindrücklich die neuen Möglichkeiten, die sich mit der Digitalisierung eröffneten.

 

Mit dem Film BenX wurde die Vermischung einer Spielewelt mit der eines Spielfilm thematisierte. Tracey Fragments entwickelte - in dieser Weise nur mit digitalem Schnitt möglich – die Splittscreen-Technik weiter und erzählte in vielen sich permanent verändernden und gleichzeitig projizierten Bildkadern die Zerrissenheit und Flüchtigkeit einer 15-jährigen Schwerstpubertierenden. Brian de Palmas Redacted lotete die Möglichkeit aus, mit der digitalen Kamera aufgrund ihrer Beweglichkeit und Allgegenwart  eine gewisse Form von Authentizität zu suggerieren. Schließlich lieferte Linklaters Waiking Live ein wunderbares modernes (digitales) Beispiel für das alte Rotoskopie-Verfahren, das schon 1919 von dem Deutsch-Österreicher Max Fleischer erfunden und zum Patent angemeldet worden war und mit dem real gefilmte Szenen grafisch nachgezeichnet und verändert werden können. Linklater nutzte das gleiche Prinzip bei seinem digital bearbeiteten Film. Sein eher essayistischer Film lässt eine Vielzahl unterschiedlicher Personen ihre Meinung vertreten. Dabei werden die Unterschiede besonders betont, indem er jede Szene durch einen anderen Grafiker  bearbeiten ließ.

 

Kaffee für die Aufmerksamkeit

In zwei ausführlichen Diskussionsrunden kamen Publikum und Referenten ins Gespräch, und es ging sowohl um gesellschaftspolitische Veränderungen des Sehens und der Medienproduktion, wie auch um die Erkenntnis, die generell als Ergebnis des Symposiums festgehalten werden kann, dass die neue Technik sehr wohl neue ästhetische und inhaltliche Ansätze bietet, aber diese auf keinen Fall die traditionelle fotografische Aufnahme ersetzen, im Gegenteil. Derzeit - so die Einschätzung der Fachleute - werden noch aus guten Gründen ca. 70 bis 80 % der Filme fotografisch aufgenommen und die Digitalisierung kommt allenfalls bei der Post-Produktion zum Tragen.

 

Dieser hybride Umgang mit den Produktionsmitteln wird sicherlich auch noch einige Zeit andauern, unabhängig davon, dass die Filmindustrie bei der Post-Produktion und bei der Projektion zunehmend auf Digitalisierung setzt.

 

Mit Unterstützung der Fa. ARRI, München konnte Rolf Coulanges den Symposiumsteilnehmern eine hochwertige HD-KAMERA, die ARRI D 21, vorstellen und vorführen. Durch die direkte Aufnahme und Übertragung der zweiten Diskussionsrunde auf die Leinwand wurde das Prinzip, die Qualität und die Besonderheiten der digitalen Aufnahme verdeutlicht.

 

 

Insgesamt erfasste das Symposium wieder einmal eine Vielzahl von Facetten des Themas. Es gab von Publikum und Teilnehmern eine überwiegend positive Resonanz zur Themenwahl und zum Programmablauf.

 

 

 

Die Veranstalter danken vor allen Dingen den engagierten Sponsoren, die mit der Präsentation einer hochwertigen und wertvollen Filmkamera (ARRI), einer digitalen 2-K-Projektion (BEWEGTE BILDER), durch  kompetente Werkstattberichte (PIXOMONDO, NOIRFILM und WEFADETOGREY), mit finanziellen Mitteln (BASF und KODAK) oder Sachleistungen (EICHBAUM) das Symposium bereicherten und in dieser Qualität erst möglich machten.

 

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