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25. Mannheimer Filmsymposium
29. – 31. Oktober 2010
ABSCHLUSSBERICHT
Das 25. filmkundliche Symposium wurde ohne Änderung des Programms in vollem Umfang erfolgreich durchgeführt.
Der Zuspruch durch Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet war außerordentlich positiv und führte dazu, dass am Freitag einige Teilnehmer auf den Treppenstufen sitzen mussten, weil der Kinosaal überfüllt war. Die Teilnehmer rekrutierten sich teilweise aus den kooperierenden Verbänden, vor allem dem BFS-Filmschnitt-Editor, dem Bundesverband der kommunalen Filmarbeit und dem Bundesverband Kamera. Es waren aber auch zahlreiche Studenten und Mitarbeiter von Medieninstituten und Fachbereichen nach Mannheim gekommen.
 - Eröffnungsreferent Dirk Blothner
Die Veranstaltung wurde eröffnet mit einer bunten Collage von Montagesequenzen aus 115 Jahren Filmgeschichte sowie mit einzelnen Kurzfilmen.
Als Eröffnungsredner konnte dann der Kölner Psychologe Dirk Blothner gewonnen werden, der über den Schnitt als Teil des Werdens der Filmkunst referierte, und insbesondere Bezüge zur bildenden Kunst und zur Literatur herstellte. Er machte deutlich, dass wir im realen Leben unseren Alltag auch montageartig wahrnehmen, indem wir den Focus auf unsere Handlungen auf Details und dann wieder auf die gesamte Umgebung richten. Dies hat zur Folge, dass wir von der Montage eines Films in der Regel nicht überwältigt werden, sondern sie als Wiedergabe unserer natürlichen Alltagserfahrung erleben.
Als zweite Rednerin berichtete die Editorin Mathilde Bonnefoy über ihre Montagearbeiten an den Filmen von Tom Tykwer und Angela Schanalec. Sie vertrat die Auffassung, dass ein Film erst im Schneideraum gestaltet wird und dass „ein guter Film nur ein gut geschnittener Film“ sein kann. Sie lieferte eindrückliche Beispiele dafür, wie gerade bei der Arbeit am Schnitt Filme verändert werden, sei es gegenüber dem Drehbuch oder auch in Bezug auf die Konzeption des Regisseurs bei den Dreharbeiten. So lieferte bei dem Film LOLA RENNT ein sehr früh gefertigter „Teaser“ erst die Idee für einen rasanten, tempobetonten Schnitt. Eine Konzeption, die im Drehbuch und auch bei den Dreharbeiten so noch nicht bestand, und den Film, als man sich beim Schnitt entschloss, sie auf den gesamten Film anzuwenden, anders hat werden lassen als er zunächst geplant war.
 - v.l.: Klaus Eichler, Mathilde Bonnefoy u. Rolf Coulanges
Ähnliche Erfahrungen machte Frau Bonnefoy mit Tom Tykwer bei dem Film HEAVEN. Hier wurde eine Liebesgeschichte, die zu einem früheren Zeitpunkt als unpassend erschien, bei der Montage an das Ende des Filmes gesetzt, womit die Personen und ihre Konflikte erheblich mehr an Glaubwürdigkeit gewannen. Bezüglich ihrer Arbeit mit Angela Schanalec an dem Film ORLY berichtete die Referentin, dass die Regisseurin im Rahmen ihrer langen Plansequenzen ganz bewusst auf Montagen verzichtete, um eine von ihr nicht gewünschte Dramatik zu vermeiden.
All diese Filme, so Bonnefoys Fazit, hätten anders geschnitten eine andere Aussage und Wirkung gehabt und wären insoweit, hätte man die ursprüngliche Konzeption des Drehbuchs nicht geändert und sie weiter verfolgt, "andere Filme" geworden.
Im Anschluss an diesen zweiten Vortrag führte der Editor Klaus Eichler in die von ihm kuratierte und in einem eigenen Raum in der Nähe des Kinos aufgebaute Ausstellung mit Timelines verschiedener Filmprojekte ein. Unter einer Timeline versteht man die grafische Wiedergabe der an einem AVID-Komposer entwickelten digitalen Montage eines Filmes. In einer Zeitschiene kann man dabei sämtliche Ton- und Bildspuren, die übereinander gelegt sind, verfolgen und grafisch und farblich unterscheiden.
 - Timline-Ausstellung
Für die Timeline-Ausstellung anlässlich des Symposiums wurden folgende drei Timelines zusammengetragen:
- Die längste Timeline der Welt, eine auf 9 Meter gestreckte Dokumentation eines 24-Stunden- Dokumentarfilms des ZDF, der anlässlich der Fußballweltmeisterschaft im Juni 2010 ausgestrahlt wurde.
- Die zweite Timeline beschrieb die Montage an dem Tom-Tykwer-Film DREI, dessen Schnitt Mathilde Bonnefoy gestaltet hatte. Besonders auffällig und interessant war dabei die Wiedergabe von Splitt-Screen-Sequenzen, d.h. die Überlagerung mehrerer Bilder, die in der Timeline deutlich sichtbar wurden. Zu beiden Filmen war jeweils ein kurzer Filmausschnitt auf einem HD-Monitor zu sehen, bei dem man genau verfolgen konnte, welches Bild zu welcher grafischen Darstellung innerhalb der Timeline gehörte.
- Schließlich präsentierte die Editorin Nicole Undritz noch eine dritte Timeline, die den Fernsehfilm BLAUBÄBLAU in drei Schnittfassungen zeigte, nämlich einmal die erste Montagefassung entsprechend der Vorgabe des Drehbuches, sodann ein Zwischenstadium und schließlich die von der Redaktion abgenommene Endfassung, die noch einmal Veränderungen aufwies. Durch Verweis-Pfeile hatte Frau Undritz deutlich gemacht, wie einzelne Einstellungen und ganz Szenen innerhalb des filmischen Ablaufs von einer zur nächsten Schnittfassung verschoben wurden, und sie dokumentierte damit einmal mehr die These von Frau Bonnefoy, dass ein Film erst richtig am Schneidetisch entsteht.
 - Jubel-Symposiums-Torte
Beim anschließenden Empfang konnten sich die Teilnehmer dann zunächst einmal von den ausgesprochen anregenden, aber auch hohe Aufmerksamkeit verlangenden Vorträgen erholen. Der Empfang der Stadt wurde von der Stadträtin und Mitglied des Landtags, Frau Heberer (SPD), im Auftrag des Oberbürgermeisters eröffnet. Frau Heberer dankte dem Team von Cinema Quadrat für unermüdliche Arbeit und gratulierte zu einer Folge von inzwischen 25 hochkarätigen Symposien.
Nach dem Empfang und den Gesprächen über das Gehörte und Gesehene bot der Film LONE STAR von John Sayles einen weiteren Aspekt des Symposiums, nämlich den der nicht-linearen Erzählstruktur. Er diente als Anschauungsmaterial für den am nächsten Tag früh morgens terminierten Vortrag des Filmwissenschaftlers Ivo Ritzer aus Mainz.
 - Vortrag Ivo Ritzer
Ritzer vertrat die These, dass das Genre des Western entsprechend dem Motiv, dass "going west" und der Entwicklung der Gesellschaft von den Viehzüchtern über die Farmer bis zur Zivilisation der städtischen Gesellschaft eine grundsätzlich vorwärts treibende und damit lineare Struktur habe. Mithin bedeute die Aufhebung der Linearität und die Verwendung einer komplexen, nicht linearen Erzählstruktur einen Bruch mit der dem Genre immanenten Haltung und damit eine Provokation. Dementsprechend findet man die eine nichtlineare Erzählstruktur, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur in sogenannten Spätwestern, die damit meist auch eine Genrekritik enthalten und die Postulate des klassischen Western in Frage stellen. So insbesondere bei den von Ivo Ritzer vorgestellten Western WILD BILL von Walter Hill und LONE STAR.
Einen interessanten Kontrast zum Vortrag über die Nichtlinearität bot das nächste Referat des Kameramanns Rolf Coulanges, der unterschiedliche Formen und Wirkungen von Plansequenzen, d. h. kontinuierlich aufgenommenen Szenen, vorstellte. Er dokumentierte damit, wie dem Zuschauer darüber Räume erschlossen werden können, wie damit Zeit erfahrbar gemacht werden kann oder wie die Psychologie von Protagonisten ergründet wird, wenn diese nicht aus dem Focus der Kamera weichen können.
In der weiteren Folge, gab es wieder Filme und zwei Vorträge, nämlich zum einem von dem Kunsthistoriker und Dozenten für Ästhetik Norbert Schmitz, der anschaulich und mit einem Überblick über die Kunstgeschichte die Montage als Element der bildenden Kunst vorstellte. Dabei zeigte er u.a. auch, dass und wie der Konstruktivismus - parallel zur Entstehung des Filmes - eine hyperreale Darstellung der Wirklichkeit wiederzugeben versuchte.
 - 2. Diskussionsrunde (v.l.): Katrin Suhren, Ralf Fischer, Ernst Schreckenberg, Norbert Schmitz und Marli Feldvoß
Ralf Fischer von der Uni in Tübingen, ebenfalls Kunsthistoriker, untersuchte den Essay-Film als besondere Form der poetischen Montage über ein Thema, mit der Möglichkeit in freier Assoziation Bilder, Themen und Kommentare miteinander zu verknüpfen.
Dazwischen schilderte die Editorin Katrin Suhren in einem Werkstattgespräch, wie sie den Kurzfilm ALLES FÜR DEN HUND geschnitten hat und wie auch in diesem Fall eine Schnittfassung in Abweichung von der früheren Drehbuchkonzeption erarbeitet wurde. Der Film spiegelt den Kreislauf des Geldes in einer komischen, sich immer wiederholenden Folge von Ereignissen, und die Cutterin erkannte am Schneidetisch, dass die Wiederholungen nur dann nicht langweilig wirken, wenn sie mit immer wieder neuen Ellipsen bewusst fragmentarisch erzählt werden. Die Pointe bestand darin, dass der Film einen „Drehbuchpreis“ erhielt, obwohl das Drehbuch gerade nicht die Qualität aufwies, die der Schnitt dem Film verschafft hatte.
Am Abend gab es dann einen weiteren Empfang, nämlich den der Kooperationspartner, bei dem nochmals ein reger Gedankenaustausch über die Referate möglich wurde. Zum Abschluss des Tages stand dann der jüngste Film von Alain Resnais LES HERBES FOLLES auf dem Programm, der am nächsten Morgen Basis des Referates der Filmkritikerin Marli Feldvoß wurde. Frau Feldvoß beschäftigte sich mit den Montagetechniken bei Alain Resnais, der als Editor begonnen hatte und für den die Montage in immer neuen Variationen und zu anderen Themen stets ein außerordentlich wichtiges Element des Filmemachens geblieben ist. Angefangen von den Gedankenströmen und Erinnerungen wiedergebenden Montagesequenzen aus dem Film HIROSHIMA MON AMOUR bis hin zu LES HERBES FOLLES liefert Resnais immer wieder kompakte Sequenzen, die die Gedanken oder Themen seiner Filme vorantreiben.
 - Linear oder nicht-linear, das ist hier die Frage.
Der letzte Vortrag stammte dann von dem Medienpädagogen Ernst Schreckenberg, der über die klassische Montage in Hollywood, das sogenannte Continuity Editing, berichtete, einer Form von Montage, die sich bemüht "unsichtbar" zu bleiben, sich dem Zuschauer nicht aufzudrängen. Die festen Grundregeln dieser Montageform finden heute noch Anwendung bei weniger ambitionierten routinemäßig gestalteten Filmen, insbesondere Fernsehserien. Interessant wird es, wenn mit diesen Sehgewohnheiten manchmal bewusst gebrochen wird wie im engagierten Autorenkino der 60er Jahren.
Im Rahmen von zwei großen Panels am Samstagvormittag und Sonntagmittag wurden die Referate der Vortragenden und weitere Themen lebhaft diskutiert. Darüber hinaus führten Klaus Eichler und Ralf Fischer beim zweiten Empfang ein pointiertes Streitgespräch darüber, „ob Film in seiner Struktur und per se ein lineares oder nichtlineares Medium ist“. Jeder fand für seine These ausreichend Argumente und zustimmende Teilnehmer.
Insgesamt wurde von allen Teilnehmern die Veranstaltung als gelungener, hochkarätiger Diskurs über das Thema verstanden und viele Teilnehmer verabschiedeten sich mit einem Wunsch des Wiedersehens im kommenden Jahr zu einem ähnlich interessanten Thema.
Peter Bär

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