KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center

 

FILM & ANALYSE
2010

 

Referent: Dr. Peter Bär

 

 


Pans Labyrinth

Pans Labyrinth
ESP/MEX 2006. R: Guillermo del Toro. D: Ivana Baquero, Doug Jones, Sergi López. 119 Min., DF, FSK: 16


„Es war einmal unter der Erde, da träumte eine Prinzessin von einer menschlichen Welt...“ Ophelia liest gern Märchen, und wenn sie gerade kein Buch zur Hand hat, dann denkt sie sich welche aus. Manchmal sind es richtig schreckliche Gespenstergeschichten; was daran liegen mag, daß die Verhältnisse, in denen sie lebt, auch nicht wirklich schön sind. 1944 tobt der Zweite Weltkrieg, und in ihrer Heimat Spanien liegt das Ende des Bürgerkriegs auch erst fünf Jahre zurück. Die Faschisten unter Generalissimo Franco haben gesiegt, doch in der Provinz, in den dunklen Wäldern, hinter den sieben Bergen regieren die pro-republikanischen Milizen der lokalen Partisanen, die sich im Terrain viel besser auskennen.
Ophelia selbst hat ihren Vater verloren und die Mutter hat wieder geheiratet. Der böse Stiefvater, den das Mädchen konsequent „Capitan“, also Hauptmann, nennt, ist ein Faschist, wie er nicht nur im Märchenbuche steht, und weil Ophelias Mutter schwanger ist, und Capitan Vidal meint, ein Sohn (selbstverständlich wird es ein Sohn) müsse bei seinem Vater geboren werden, fahren Mutter und Tochter zu jenem Außenposten, wo Vidal Dienst tut. Als sie einmal unterwegs anhalten, findet Ophelia einen geheimnisvollen Stein, der wunderbarerweise genau in eine Öffnung in jener Statue paßt, die am Wegesrand steht. Genau in dem Moment, als sie ihn hineinstecken will – eine Initiation –, krabbelt eine Gottesanbeterin heraus. „Das muß eine gute Fee sein“, spürt Ophelia ganz klar, und nun beginnt ihre Reise in eine Traumwelt.
So 14.03.2010 19.30 Uhr


Mulholland Drive

Mulholland Drive

USA 2001. R: David Lynch, D: Naomi Watts, Laura Elena Harring. 146 Min., DF, FSK: 16

 

Auf dem nächtlichen Mulholland Drive in Hollywood hält ein Cadillac. Die attraktive junge Frau im Abendkleid, die im Fond sitzt, wird von zwei Männern mit vorgehaltener Pistole zum Aussteigen gezwungen. Sie soll wohl erschossen werden, doch im selben Moment rast ein anderes Auto mit kreischenden Insassen in die Limousine und alles verändert sich... Eine andere Frau sitzt verzweifelt in ihrem Appartement. Da kommt ein kreischendes altes Ehepaar auf sie zu, sie kreischt mit ihnen und alles verändert sich...Surreal sind David Lynchs Filme fast immer, sie sind aber deshalb nicht immer unlogisch.
Der Versuch, die Puzzleteile des Films zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, muss scheitern. Es ist gleichsam wie in einer Szene, in der Rita ein mysteriöses blaues Kästchen öffnet, und die Kamera in die Leere hineinfährt. Dass es sich um ein Spiel mit Illusionen handelt, betont David Lynch nicht zuletzt durch die bizarren Szenen im „Club Silenzio”. Gewiss geht es um Träume – das wird bereits im ersten Bild angedeutet –, weil David Lynch jedoch Traum und Wirklichkeit (wenn es denn eine gibt) nicht voneinander abhebt, bleibt die „Handlung” offen. Entscheidend ist die Frage nach Traum und Wirklichkeit überhaupt nicht. In „Mulholland Drive” bannt David Lynch die Zuschauer nicht durch eine kohärente Handlung, sondern durch eine albtraumhafte Atmosphäre, rätselhafte Zusammenhänge und virtuos montierte groteske Szenen mit extrem vielen Close-up-Einstellungen.
So 23.05.2010 19.30 Uhr


Stay

Stay

USA 2005. R: Mark Forster. D: Ewan McGregor, Ryan Gosling, Naomi Watts. DF, 99 Min., DF, FSK: 12


Der junge New Yorker Psychiater Sam Foster (Ewan McGregor) hat einen faszinierenden neuen Fall: Nach einem Unfall auf der Brooklyn Bridge leidet Kunststudent Henry Letham (Ryan Gosling) offenbar an Amnesie. Dafür macht er nun bizarre Vorhersagen, die sich nach und nach aus unerklärlichen Gründen bewahrheiten. Eines Tages kündigt Henry vor seinem Therapeuten an, er werde sich in drei Tagen das Leben nehmen. Während die Zeit langsam abläuft, macht Sam eine schockierende Entdeckung, die nicht nur seinen Patienten Henry, sondern vor allem ihn und Lila, seine schöne Frau, betrifft.
Stilistisch und technisch ist STAY ein absolut perfekter Film, der Bildgestaltung, Ästhetik und Schnitt zu höchster Meisterschaft führt, ein assoziationsreiches Spiel mit Doppelungen, Déja-Vus, sich überlagernden Bildschichten und detailverlorenen Andeutungen, wodurch der Film eine ganz eigene, traum- oder wahnhafte Qualität bekommt, die bestens zu der Geschichte passt. Ein Bilderrätsel in der Qualität von MEMENTO, THE SIXTH SENSE oder IDENTITY, das streckenweise auch an David Lynchs mysteriöse Thriller MULHOLLAND DRIVE oder LOST HIGHWAY denken läßt. Wer sich den Film übrigens mehrmals anschauen will (und es spricht einiges dafür, das zu tun), wird nach jedem Betrachten neue Details, neue Aspekte und unter Umständen sogar eine neue Geschichte herauslesen. Ein Film, der das Kopfkino nach der Vorführung erst so richtig in die Gänge bringt.
So 04.07.2010 19.30 Uhr


No Coutry for Old Men

No Contry for Old Men

USA 2007. R: Joel & Ethan Coen, D: Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson. 122 Min., DF, FSK: 16

 

Anfang der 80er-Jahre, irgendwo im Südwesten von Texas nahe dem Rio Grande beginnt der dramatische Krimi, als Llewelyn Moss über die Folgen eines offensichtlich schiefgelaufenen Drogendeals stolpert – umgeben von Patronenhülsen und toten Männern, einer Menge Drogen und einem Koffer mit zwei Millionen Dollar. Moss kann der Versuchung nicht widerstehen, nimmt das Geld und löst eine Lawine der Gewalt aus, die anscheinend nicht zu stoppen ist. Auch der alternde Sheriff Bell hat den Verfolgern, die Jagd auf Moss machen, nichts entgegenzusetzen. Insbesondere der Münzen werfende Killer Chigurh mit seiner tödlichen Philosophie ist eine unaufhaltsame Naturgewalt.

 

„So sollt ihr hören, von fleischlich-blutigen, unnatürlichen Taten, von Zufalls-Urteil, blindem Blutvergiessen, von Tod bewirkt durch List und durch Gewalt, und auch von Plänen, die, gescheitert, fielen auf der Erfinder Haupt.“ Möchte man das bisherige Oeuvre der Coens mit einem Satz zusammenfassen, so kann man es wohl kaum besser treffen als mit diesem Satz aus der letzten Szene von Hamlet. Denn die Coens haben nicht nur ein Faible für das Grotesk-Gewalttätige, im Grunde handeln fast alle ihre Filme – auch die unblutigeren – von gescheiterten Plänen. Seien es Entführungen (echte oder gestellte), Erpressungen, Geldübergaben, Casino-Einbrüche oder Eheverträge. Wenn in einem Coen-Film jemand einen Plan ausheckt, geht dieser stets gründlich schief.
So 19.09.2010 19.30 Uhr


Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Das Mädchen mit dem Perlenohrring

GBR 2003. R: Peter Webber. D: Scarlett Johansson, Colin Firth, Cillian Murphy. 95 Min., DF, FSK: 6


Delft 1665: Die junge, schöne Griet (Scarlett Johansson) nimmt im düsteren Hause Vermeer eine Stelle als Magd an. Schnell entwickelt sich zwischen dem sechsfachen Familienvater und der Magd eine enge Bindung, die aus wenigen Worten und einer erotischen Spannung besteht. Der introvertierte Vermeer malt die 17-jährige Griet heimlich mit einem Perlenohrring seiner Frau. Es wird eines seiner wichtigsten Werke. Und Griet wird durch Vermeers eifersüchtige Familie und durch Intrigen seines Mäzens Van Ruijven immer mehr in die Enge getrieben

 

Das Regiedebüt von Peter Webber ist eine intelligente, betörend schöne Adaption von Tracy Chevaliers gleichnamigem Bestseller über den niederländischen Maler Vermeer und das Modell aus einem seiner berühmtesten Gemälde, „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“. Mit Präzision und sorgfältig gewählten Details malt Webber ein sinnliches und zu Recht mit Oscar-Nominierungen in den Kategorien Beste Kamera, Beste Ausstattung und Bestes Kostümdesign bedachtes Drama mit großartigen Performances von Jungstar Scarlett Johansson und Colin Firth. Ein Sittenbild der europäischen Künstlerwelt vor 340 Jahren mit allen Zutaten für anspruchsvolles Hochglanzkino – nicht nur für das Arthouse-Publikum.
So 28.11.2010. 19.30 Uhr