Publikation: Abschlussbericht des Veranstalters
Autor: Peter Bär
Im inzwischen 7.Filmseminar, das Cinema Quadrat zusammen mit drei Heidelberger Instituten für Psychoanalyse und Tiefenpsychologie am vergangenen Wochenende durchführte, beschäftigten sich wieder Filmwissenschaftler und Psychoanalytiker und ein Publikum, das aus dem gesamten Bundesgebiet und zwei sogar aus Wien angereist war, mit dem Werk des Filmemachers David Lynch.
Der Kosmos dieses Filmemachers ist rätselhaft und Georg Seeßlen, der sich mit einer Monografie über Lynch als Kenner ausgewiesen hat, erklärte am Anfang seines Einführungsvortrags: „Über Lynch muss man entweder sehr viel oder gar nichts sagen“. Er entwarf in sieben Kapitel eine Annäherung an das Werk. Lynch arbeitet mit Schockeffekten und er dekonstruiert die bürgerliche Welt der Kleinstädte in den USA, denen er selbst entstammt, ebenso wie die dort beheimateten Figuren und verrätselt sein Werk absichtsvoll. Der Kieler Ästhetikprofessor Norbert Schmitz verortete Lynch, der auch noch als bildender Künstler ausstellt, kunstgeschichtlich innerhalb der späten Modernen mit einem eigenständigen Platz in der Nähe der Surrealisten und der modernen amerikanischen Expressionisten.
Über eineinhalb Tage setzten sich Psychoanalytiker (die Mannheimer G. Schneider, und G. Schmidt sowie der Tübinger J.F. Danckwardt) und Filmkritiker (G. Seeßlen, (Kaufbeuren), N. Schmitz (Kiel) und R. Suchsland (Berlin)) in immer spannenden Vorträgen mit verschiedenen Sichtweisen auf die auseinander. Ein großes, engagiertes Publikum beteiligte sich aktiv an den anschließenden Diskussionen.
Den schwierigsten Part hatte wohl der Mannheimer Psychoanalytiker Gerhard Schneider übernommen, in dem er Lynchs ersten langen Film ERASERHEAD besprach, der surreal und experimentell, befremdend und kultig zugleich wirkt. Aber auch die weiteren Filme WILD AT HEART, LOST HIGHWAY und MULHOLLAND DRIVE sind alles andere als linear angelegt. Die erzählerische Konstruktion der letzten beiden entspricht der eines Bildes von Escher, das nur logisch erscheint, aber nicht logisch auflösbar ist. Je mehr man glaubt, Interpretationsansätze im Film zu finden, desto schneller kommt man immer wieder darauf, dass Lynch auch immer wieder mit dem Publikum spielt. Interpretationen sind nur ansatzweise möglich und Symbole können nie eindeutig erschlossen werden. Was das Werk von Lynch aber zunehmend durchzieht, ist eine beißende Ironie und eine inhaltliche wie formale Distanzierung vom traditionellen Filmgewerbe und dem gängigen Publikumsgeschmack.
Trotz aller Rätselhaftigkeit des Werks lieferte das Seminar, an dem auch viele nicht filmwissenschaftlich oder psychoanalytisch geschulte Kinogänger teilnahmen mit Ansätzen, Vergleichen und Bezügen Hilfen, die Filme wenn schon nicht eindeutig „lesen“, so doch mit Genuss sehen zu lernen oder, wie der Filmkritiker Rüdiger Suchsland (Berlin) meinte, „mit Lust immer wieder neu sehen zu wollen und dabei Neues zu entdecken“.
Die Referenten haben sich bereit erklärt, ihre Manuskripte dem Kino kostenlos zur Verfügung zu stellen. Dieses wird damit – wie schon bei den letzten fünf Seminaren – wieder einen Band seiner Schriftenreihe „Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie“ heraus geben können, wobei sich diesmal auch Teilnehmer zu Wort meldeten und es so möglicherweise erstmals sogar „Nachschriften aus dem Publikum“ geben kann. Ein Beleg dafür, wie anregend die Veranstaltung war.
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