KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center

Autor: Franz Schneider

 

Langsame Blicke durch offene Räume

Das 8. Mannheimer Filmseminar analysierte die Filme von Michelangelo Antonioni

 

Gemeinsam mit dem Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Heidelberg-Mannheim, dem Psychoanalytischen Institut Heidelberg-Karlsruhe der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung sowie dem Heidelberger Institut für Tiefenpsychologie veranstaltete das Mannheimer Cinema Quadrat nun schon zum 8. Mal ein Filmseminar, das Psychoanalyse und Filmtheorie mit einander in Dialog brachte. Themen waren fast immer die Werke berühmter Filmregisseure, diesmal kam Michelangelo Antonion an die Reihe, eine Wahl, die als längst überfällig empfunden wurde, denn der 1912 geborene, 2007 am selben Tag wie Ingmar Bergman verstorbene Antonioni gilt als legendäre Figur der Kinokunst.

Und zwar genau darum, weil sein Werk aus Filmen wie etwa „La notte“ oder „Blow up“, die Kunst der Interpretation oft zu einem schäbigen Unternehmen macht, ganz zu schweigen von einem psychoanalytischen Zugriff. Doch das Seminar kennt solche Bedenken, seine eigene Dialogfähigkeit schafft eine schon traditionell hohe und flexible Diskussionskultur, darum Leiter und Moderator Dr. Peter Bär bekannte: „Manchmal sprechen Filmwissenschaftler schon wie Psychoanalytiker während die Analytiker wie Filmwissenschaftler auftreten.“ Man lernt voneinander.

 

Viel hängt dabei vom Auftaktsreferat ab. Da ein Antonioni-Kenner wie Michael Althen leider verhindert war, oblag es Ralf Michael Fischer, von vorn herein deutlich zu machen, worin das cineastische Vermächtnis Antonionis besteht. Oft zeigt es bereits ein einzelnes Standbild aus einem seiner Filme, eine Figur verloren in einem weiten Raum, die sich darin zu verlieren scheint. Antonioni als Filmarchitekt großer kühler Gebäude, deren Räume weit offen stehen, Bild gewordene Unbehaustheit des modernen Menschen, ein Maler großer abstrakter Flächen, zunächst in schwarzweiß, dann oft in befremdenden Farben. Der Heidelberger Psychoanalytiker Dr. Martin Bölle wies danach im Gegenzug auf das Innenleben einer solchen Figur, das in der französischen Kultur entwickelte „ennui“ sei ihr Merkmal, eine traurige Langeweile, die subversiv werden kann, wenn sie den Blick der Figur verändert. Von nun an nämlich ist dieser starrend, ein zu langes, zu genaues Hinsehen, das in Antonionis Filmen zu seinen berühmten langen Einstellungen führt, die den Zuschauer oft beunruhigen.

 

Ein anschließendes Referat von Eva Berberich thematisierte einfühlsam aber auch angenehm provokant das Verhältnis innerer Lebendigkeit zu einer erstarrenden Umwelt. Filmwissenschaftlerin Ursula von Keitz befasste sich eloquent und intensiv mit Räumlichkeit, Wahrnehmung und Identität. Ansonsten ging man das Risiko ein, Antonionis Werk in seinen Aussagen knapp oder etwas weiter zu verfehlen und ersparte leider auch einem die mehrmalige mündliche Wiedegabe des zuvor bereits Gesehenen nicht. Die meisten Referenten verzichteten auf eine visuelle Unterstützung ihrer Vorträge, was nicht unangenehm war, so lernt der Kinogänger das Zuhören wieder..

Als wichtigster Befund eines nicht analytisch ausgebildeten Cineasten bleibt dabei hinsichtlich des Antonioni-Seminars zu vermerken, dass die Referenten eine betonte Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstkritik entwickelt haben, die ihren Interpretationskünsten zu Gute kommt und vor völligen Verirrungen schützt. So erhielt die Analytikerin Eva Berberich spontanen Beifall, als sie davor warnte, eine der Hauptfiguren aus einem Antonioni-Film zu einer Krankengeschichte zu machen. Und darauf kehrte man wieder zurück zur Filmkunst.

 

Wer im Detail wissen möchte, was zu Antonionis Filmen analysiert wurde, muss warten bis die schriftliche Ausarbeitung der Beiträge vorliegt. Soeben ist in der Schriftenreihe zu „Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie“ der Band über das Vorjahresthema David Lynch erschienen, 122 S., 12 Euro, erhältlich im Cinema-Quadrat Mannheim, www.cinema-quadrat.de.