KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center

 

9 . Mannheimer Filmseminar

"Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie": Pier Paolo Pasolini

 

Referate und Referenten

1. Eröffnungsreferat von Günter Minas, Kunst- und Filmwissenschaftler generell zur Person und zum filmischen Werk von Pasolini

 

Ikonographie eines Universalisten. Das Bilderbuch des Pier Paolo Pasolini

 

Pier Paolo Pasolini, Filmregisseur, Poet, Romancier, Essayist, Maler und Dramatiker, schuf in seinen Werken, nicht nur den Filmen, ein Universum von Bildern, das tief in Jahrhunderte alten Traditionen und damit auch im kollektiven Bildgedächtnis des Abendlands verwurzelt ist. Mit seiner Methode der „Kontamination“ oder des „Pastiche“ fügte er diesem Fundus zahlreiche neue Bedeutungsschichten hinzu, die teilweise auch nur aus seiner persönlichen Biographie heraus entschlüsselbar sind. Die Bildwelt des Regisseurs, dokumentiert durch Szenen- und Standfotos, Filmskizzen, Zeichnungen, eigene Gemälde Pasolinis und Referenzbilder aus der Kunstgeschichte, eröffnet einen Zugang zu den ihn bewegenden Themen und Fragen und ermöglicht nebenbei einen Überblick über die Stationen seiner Lebensgeschichte.

Günter Minas

Der Referent:

Günter Minas, geb. 1953, Studium (Psychologie, Kunstgeschichte, Film) in Konstanz und Braunschweig, Diplom-Psychologe. Ausbildung zum Kinoleiter in der kommunalen Filmarbeit in Stuttgart und Berlin. Programmberater der Filmfestivals Berlin (1984-85), Oberhausen (1989-94), film+arc Graz (1995-99), Mannheim-Heidelberg (seit 1994) und Ludwigshafen (seit 2007). Zahlreiche Vorträge, Filmprogramme und Ausstellungen zu Film und bildender Kunst im In- und Ausland, daneben journalistische Tätigkeit und Buchveröffentlichungen. Lehraufträge in Kunstgeschichte an mehreren Hochschulen in der VR China. 1982 erschien: "Pier Paolo Pasolini - Zeichnungen und Gemälde" (Katalog zur gleichnamigen Tourneeausstellung), Basel: Balance Rief (Redaktion und Lektorat); 1988 der Beitrag: "Ein Fresko auf einer großen Wand. Die Bedeutung der Malerei für die Filmarbeit Pasolinis" in: C. Klimke (Hrsg.), "Kraft der Vergangenheit", Frankfurt/M.: Fischer. Webseite: www.Minas-Mainz.de

Christoph Klimke

2. Vortrag von Christoph Klimke, Autor und Dramaturg zu Pasolini als Schriftsteller

 

Umkehr als Revolution

 

Pasolini geht in seiner Literatur wie in den Filmen seinen Weg zurück, d.h. die Umkehr zu den Wurzeln und dem unter der Haut Verborgenen ist kein reaktionärer Rückschritt, sondern der Versuch der Wiedergutmachung von Werten, die nicht der Gewinnmaximierung unterliegen.

 

Der Referent:

Christoph Klimke, geb. 1959 lebt als Schriftsteller und Dramaturg in Berlin. Publikationen zu Pasolini:

- Libretto GASTMAHL DER LIEBE (nach PASOLINIs „TEOREMA“) für das Choreographische Theater von Johann Kresnik, Volksbühne Berlin;

- DIE NACKTEN FÜßE , Schauspiel nach TEOREMA, Landestheater Tübingen ;

- Hrgb. Von KRAFT DER VERGANGENHEIT, zu den Motoven von Pasolinis Filmen;

- WIR SIND ALLE IN GEFAHR – Pasolini, ein Prozess, Essay, (hiefür erhielt Christoph Klimke den Ernst Barlach Preis für Literatur)

Edeltraud Tilch-Bauschke

3. Vortrag von Dr. Edeltraud Tilch-Bauschke, Psychoanalytikerin

 

Teorema - Kultfilm oder unverständliche Mystik?

 

TEOREMA, der 1969 in die deutschen Kinos kam, wurde damals von vielen jungen Intellektuellen zum Kultfilm stilisiert. Seine Faszination bestand offenbar darin, dass die emotionale Kälte und Kommunikatiosstörung der italienischen Fabrikantenfamilie Erinnerungen an die eigene Jugend und das gesellschaftlich-emotionale Klima der 50er und 60er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland wachrief, die sich atmosphärisch im Film spiegelten. Aus heutiger psychoanalytischer Sicht muss jedoch auch Pasolinis projektiv aufgespaltenes Frauenbild in TEOREMA kritisch reflektiert werden.

 

Die Referentin:

Edeltraud Tilch-Bauschke, Dr.med., Fachärztin für Allgemeinmedizin, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, als Psychoanalytikerin in Mannheim und Heidelberg niedergelassen. Lehranalytikerin (DGPT) am Heidelberger Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Heidelberg-Mannheim. Redaktionsmitglied der Zeitschrift Psychoanalyse im Widerspruch. 1999 Initiierung und Organisation der Reihe „Psychoanalyse und Film“ im Gloria-Kino, Heidelberg; seither dort regelmäßige eigene Vortragstätigkeit. Zahlreiche Veröffentlichungen in Büchern und Fachzeitschriften zu den Themen: Psychoanalytische Filminterpretation und weibliche Adoleszenz.

4. Vortrag von PD Dr. Marcus Stiglegger, Filmwissenschaftler

 

„Ach, meine nackten Füße...“ - Pasolinis Film Teorema als Endpunkt des Bürgertums

 

In jenem gesellschaftlichen Schlüsseljahr 1968, das das Ende des Bürgertums beschwören wollte, schuf Pier Paolo Pasolini sein ganz persönliche Vision vom Ende der Bourgeoisie: Er lässt Gott in Gestalt eines schönen Fremden (Terence Stamp) in eine Mailänder Fabrikantenfamilie eindringen. Doch das Göttliche wird den Großbürgern nicht bewusst. Als er verschwindet, bricht ihr System zusammen.

Nach seinem mythischen Filmzyklus (EDIPO RE, MEDEA) konfrontierte Pasolini in TEOREMA das italienische Bürgertum mit dessen seelenlosem Nihilismus und wollte zeigen, dass dessen Tage gezählt seien. Die religiöse Metapher funktioniert dabei als Katalysator und beschwört noch einmal die modernistische Schlüsselfrage: Wenn Jesus heute erschiene, würde er als Vertreter Gottes erkannt und gewürdigt? Obwohl Pasolinis Blick das Bürgertum als stumpf und vereinsamt entlarvt, bleiben seine Protagonisten nicht unberührt. Letztlich helfen sie selbst, die eigene Klasse zu zerstören...

Pasolinis wütende Abrechnung mit einer herrschenden Schicht wurde umgehend als ‚obszön’ angegriffen und stand vor dem Verbot, doch der ketzerische Denker konnte sein Theorem gegen alle Widerstände platzieren: dass der Besuch Gottes letztlich den Einbruch der Realität in die Irrealität des Bürgerlichen bedeute.

Markus Stiglegger

Der Referent:

Marcus Stiglegger, Dr. phil. habil., *1971, akademischer Oberrat für Film- und Bildanalyse an der Universität Siegen, studierte Filmwissenschaft, Theaterwissenschaft, Ethnologie und Philosophie. Er arbeitete als Dozent an den Universitäten Mainz, Mannheim sowie an der ifs (International Film School) Köln, Clemson (South Carolina) und der Filmakademie Ludwigsburg. Veröffentlichte zahlreiche Buchpublikationen und –beiträge über Filmästhetik, Filmgeschichte und Filmtheorie. Herausgeber der Schriftenreihen „Medien/Kultur“ und „Kultur & Kritik“ (zus.m. Dieter Bertz). Aktuelle Publikation: „Ritual & Verführung. Schaulust, Spektakel & Sinnlichkeit“ (Berlin 2006). Auswahl: „Sadiconzista. Faschismus und Sexualität im Film“, Remscheid 1999 (2.Aufl.), „Splitter im Gewebe. Filmemacher zwischen Autorenfilm und Mainstreamkino“, Mainz 2000, „Filmgenres: Kriegsfilm“, Stuttgart 2006 u.a. Forschungsschwerpunkte: Film und Philosophie, Essayismus, Montagetheorie, Körperkino, Autorentheorie.

Martin Bölle

5. Vortrag von Dr. Martin Bölle, Psychoanalytiker

 

Das „Pasolini-Evangelium“ – Überlegungen zu Pasolinis Deutung des Matthäus-Evangeliums

 

Die Verfilmung des Matthäus-Evangeliums von 1964 gilt vielen als Pasolinis Hauptwerk. Die Verwurzelung des Films in Pasolinis vielfältigem Werk soll nachgezeichnet werden. Er habe sich, so Pasolini, bei der Verfilmung wörtlich an den Evangelien-Text gehalten. Anhand der Analyse einzelner Film-Passagen will ich versuchen, Pasolinis eigen-artige Bildsprache als eine Art „Affekt -Schrift“ zu entziffern, mit deren Hilfe es ihm gelungen ist, den Zuschauer an seiner sehr persönliche Sicht auf dieses Evangelium lebendig Anteil nehmen zu lassen.

 

Der Referent:

Martin Bölle, Dr.med., geboren 1957, Studium der Medizin und Romanistik in Freiburg i.Br. und Bologna. Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in Heidelberg, niedergelassen als Psychoanalytiker (DPV) in freier Praxis seit 1995. Lehrtätigkeit am Heidelberger Institut für Tiefenpsychologie und am Psychoanalytischen Institut der DPV Heidelberg-Karlsruhe. Seit vielen Jahren Vorträge im Arbeitskreis „Psychoanalyse und Film“, vor allem zu Filmen des italienischen Nachkriegskinos und der Nouvelle Vague.

Christoph Walker

6. Vortrag von Dr. Christoph Walker, Psychoanalytiker

 

Die Welt gehört denen, die sich nehmen, was sie brauchen - einige psychoanalytische Anmerkungen zu dem Film Accattone

 

Im Nachhören von Balillos Bemerkung: "Die Welt gehört denen, die sich nehmen, was sie brauchen" erschliessen sich unterschiedliche Möglichkeiten und Konnotationen des Verstehens. Vielschichtigkeit und eine mehrdeutige Symbolik durchziehen den gesamten Film ACCATTONE - den ersten Film von Pasolini. In seiner thematisch dichten Verwebung verweist der Film zugleich auf das literarische Schaffen Pasolinis, wie auch auf eine frühere Zeit, indem mit dem Spiel von "Hell und Dunkel" u.a. Caravaggios zentrale Bildthematik aufgegriffen wird. Fragmentierte Aneignungs- und Identifikationsprozesse der Protagonisten zeigen nicht nur eine abgeschlossene intraindividuelle Welt, sondern werfen das Licht auf existentielle Fragestellungen.

 

Der Referent:

Christoph E. Walker, Dr. med. Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker, Lehr- und Kontrollanalytiker (DPV/IPA), niedergelassen in eigener Praxis. Von 2006 bis 2010 Vorsitzender der Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft Stuttgart-Tübingen und Mitglied im Gesamtvorstand der DPV. Seit Mai 2010 Stellv. Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung. Arbeitsschwerpunkte: Behandlungstechnik, Psychoanalyse und Literatur, Bildende Kunst und Film. Veröffentlichungen zur psychoanalytischen Psychosomatik und zur Technik und Klinik der Psychoanalyse.

 

 

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