23.04.2012
Gequälte Glücksucher
Am 29. März 2012 berichtete die Rheinpfalz über das 10. Mannheimer Filmseminar.
»Seit zehn Jahren finden in Mannheims kommunalem Kino Cinema Quadrat Seminare statt, bei denen Filmwissenschaftler und Psychoanalytiker in einen Dialog treten. Mittlerweile kommen die Hörer wie die Referenten aus ganz Deutschland zusammen, um sich ein Wochenende lang mit dem Werk jeweils eines Regisseurs auseinanderzusetzen. Im zehnten Mannheimer Filmseminar drehte sich nun alles um den 43-jährigen New Yorker Darren Aronofsky, der als Regisseur bislang für fünf Filme verantwortlich zeichnete, die beim Seminar auch gezeigt wurden.
So begann das Seminar wie Aronofskys Karriere mit dem schwarzweißen Low-Budget-Film „Pi“ von 1998. Es folgten der Drogenfilm „Requiem For A Dream“, der New-Age-Trip „The Fountain“, das Sportler-Drama „The Wrestler“ sowie „Black Swan“, Aronofskys bekanntester Film. Der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger, der den ersten von sechs Vorträgen hielt, wies dazu noch auf andere Werke hin, an denen Aronofsky beteiligt war: auf den Horrorfilm „Below“, an dessen Drehbuch er mitschrieb, und auf die von ihm getextete Graphic Novel „The Fountain“, die vor dem gleichnamigen Film entstand.
„Pi“ war nach einem Studium in Harvard und am American Film Institute in Hollywood Aronofskys Debüt. Für wenig Geld mit Freunden gedreht, brachte ihm der bildkünstlerisch ambitionierte Wissenschaftsthriller Preise ein und war auch finanziell ein Erfolg. Im Mittelpunkt steht der säkulare jüdische Mathematik-Nerd Cohen (Sean Gullette), der mit seinem Computer Euclid nach Mustern in den Kursdaten des Aktienmarkts sucht und dabei mehr zufällig auf eine vielstellige
Zahl stößt, für die sich sowohl jüdische Kabbalisten als auch Wall-Street-Broker brennend interessieren. Überzeugt, eine Art „Weltformel“ gefunden zu haben, verliert Cohen sich in Paranoia, bis er dafür sorgt, dass er seine Fähigkeiten verliert.
„Pi“ habe nicht sonderlich viel mit Mathematik zu tun, sondern vor allem mit Psychologie, erläuterte Psychoanalytiker Peter Schraivogel. Den Veränderungsprozess, den Cohen durchmacht und der es ihm erlaubt, auf die Zahl wie auf die höhere Mathematik überhaupt zu verzichten, verglich Schraivogel mit den Veränderungsprozessen in Psychoanalysen.
„Requiem For A Dream“ nach einem Roman von Hubert Selby Jr. zeigt drastisch
den Niedergang von vier Drogensüchtigen in Brooklyn, Aronofskys Heimat. Harry (Jared Leto), seine Freundin Marion (Jennifer Connelly) und Tyrone sind heroinabhängig. Harrys Mutter Sara (Ellen Burstyn) ist süchtig nach einem Fernsehquiz und nimmt in der Hoffnung, einmal dabei sein zu können, Amphetamine ein, um abzunehmen. Alle vier kennen nur eine Option, legte der Heidelberger Psychoanalytiker Helmut Däuker dar: Betäubung. Ihre privaten Träume könnten eine Zeit lang ein Refugium gegen den Schmerz über die Existenz bilden, so Däuker, doch sind sie dazu mehr und mehr auf chemische Unterstützung angewiesen. Und schließlich werden aus Träumen Halluzinationen. Niemals in der Lage, ihren Süchten eine Gegenwehr entgegenzusetzen, regredieren die Menschen schließlich am Filmende zu Embryonen.
„The Fountain“ erzählt von einer epochenübergreifenden Liebe und den letzten Dingen: Konquistador Tomás (Hugh Jackman) sucht im 16. Jahrhundert nach dem Baum des Lebens, während der Weltraumreisende Tom (ebenfalls Jackman) tausend Jahre später mit einem Baum in einer großen Blase unterwegs ist. In der Gegenwart versucht Wissenschaftler Tom (wieder Jackman) mit Hilfe von Pflanzenextrakten ein Medikament zu entwickeln, um seine Frau (Rachel Weisz) vor dem Tod zu bewahren. Als sie doch stirbt, stellt er fest, dass es vor allem seine Forschung war, die sie um ihre gemeinsame Zeit brachte. Mit den übrigen Hauptfiguren Aronofskys eint Tom die unbedingte Suche nach individuellem Glück und das kompromisslose Streben nach Perfektion.
In „The Wrestler“ (2008) erlebt der ehemalige Wrestling-Champion Randy
(Mickey Rourke) den Niedergang seines alten Lebensentwurfs. Nina (Natalie Portman) in „Black Swan“ schließlich sucht nach der Erfüllung im Ballett, verliert jedoch den Bezug zu ihrem Umfeld – und den Verstand. In all diesen Fällen, in allen Filmen Aronofskys, ist die Suche der Hauptfiguren nach Glück verknüpft mit dem Motiv der Liebe angesichts des nahenden Todes. Aronofskys Filme, führte der Kritiker Rüdiger Suchsland aus, erzählten Geschichten über das Scheitern von Exzessen, über das Scheitern der Sehnsucht nach Höherem und der Sehnsucht, über sich hinaus zu wachsen. Aronofsky sei ein konservativer Moralist, der Selbstbescheidung predige.«
Stefan Otto