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27. Mannheimer Filmsymposium 12. – 14. Oktober 2012
REFERATE UND REFERENTEN

Rolf Coulanges
Cinematographer
Studierte von 1969-74 Philosophie bei Georg Picht. 1979-83 Kamera- und Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Seit 1979 freiberuflicher Kameramann für Dokumentar- und Spielfilme. Drehte als Regisseur mehrere Dokumentarfilme, meist in Lateinamerika. Sacy Perere, erhiel 1985 auf dem Londoner Filmfestival den Outstanding Film of the Year-Award. Seit 1986 Dozent im In- und Ausland u.a.: Goethe-Insitut (1988-98), dffb (1994-97) in Afrika, Brasilien und Mexiko. Nach mehreren Jahren Lehrtätigkeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) und der Filmakademie Ludwigsburg ist er seit 1992 regelmäßiger Gastprofessor an der Internationalen Filmhochschule in Havana, deren „Catedra Fotografía“ er von 1999 bis 2005 auch leitete. 2001 wurde er an die Hochschule der Medien Stuttgart berufen und war dort bis 2010 Professor für Bildgestaltung und Lichtführung im Film. Forschungsarbeiten zur Digital Cinematography und zur Verwen-dung der ersten digitalen Filmkamera, der Arriflex D20. Seit 2011 wieder in Berlin, arbeitet er als Kameramann, Dozent für Kinematographie und Autor von Publikationen zur Lichtgestaltung in Murnaus „Sunrise“ und zur Fotografie der Kameraleute RENATO BERTA, RAOUL COUTARD und ROBBY MÜLLER.
Mehrmaliger Referent bei Symposien seit dem Jahr 2000
Referat: Kinematographie als Aneignung von Geschichte im Film
Zum Film Nuit et Brouillard von Alain Resnais, Jean Cayrol, Ghislain Cloquet, Sacha Vierny und Hanns Eisler (1955)
Der Kinematograph ist ein Bewegungsschreiber. Aber Kinematographie bezeichnet im griechischen Ursprung des Wortes nicht die Mechanik des Apparates, sondern das Festhalten einer inneren Bewegung, das Aufschreiben einer Emotion oder eines Gedankens. Heute käme noch deren Sichtbarmachung auf der Leinwand hinzu.
Der Dokumentarfilm Nuit et Brouillard (Nacht und Nebel) von Alain Resnais ist ein solcher Film, der eine manchmal schwer zu ertragende Fülle innerer Bewegungen auslöst und in seinem Material die unterschiedlichsten künstlerischen Energien in einer Montage vereint, die diese Bewegungen auslöst.

Gerhard Bliersbach
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Autor
Studium der Psychologie auf Diplom in Köln. Praktiziert seit 1980 an den Rheinischen Kliniken Düren. Beschäftigt sich seit den 70er Jahren mit verkehrspsychologischen Fragestellungen, insbesondere mit dem Interaktionssystem des bundesdeutschen Straßenverkehrs und der Bedeutung des Automobils als ein Mittel der Selbst-Regulation und -Präsentation. In diesem Zusammenhang verfolgt er vor allem die Evolution des privaten und öffentlichen Transports. Neben seinem Forschungsschwerpunkt stehen vor allem künstliche Leistungen des Kinos und Fernsehens, sowie deren Beiträge zum öffentlichen Diskurs im Mittelpunkt.
Referent in Mannheim: Psychoanalyse-Seminar 2003 (Hitchcock)
Referat: Kino-Bilder von Adolf Hitler zwischen Idolisierung und Dämonisierung von Riefenstahl bis Tarentino
Das filmische Erzählen vom deutschen Nationalsozialismus 1933 – 1945 hat viele Formen hervorgebracht. Ein Versuch der Beschreibung und Erklärung der deutschen mörderischen Katastrophe bestand in der Fokussierung auf den Mann an der Spitze des deutschen Staates, der Chef der Exekutive, des Militärs und seiner Partei war.
Das Kino hat die Bilder und die Narrative dazu geliefert. Jede Hierarchie ist ein komplexes interaktives, interdependentes psychosoziales Gefüge. Sein Funktionieren zu beschreiben, ist enorm schwierig. Wenn man die Kino-Bilder von Adolf Hitler durchgeht, kann man vor allem zwei narrative Bewegungen ausmachen: die Idolisierung und die Dämonisierung des Staatschefs. Welche narrative Bewegungen ein Spielfilm unternimmt, welche Bedeutung sie haben, welche Bilder er liefert, welche Kontexte er berührt, welche Subtexte er implizit erzählt und welcher Politik der Verständigung er verfolgt, soll an einer Reihe bekannter nationaler und internationaler Arbeiten untersucht und mit dem selbstreflexiven Instrumentarium psychoanalytischer Konzepte ausgelegt werden.

Anna Ditges Filmemacherin
Filmemacherin mit eigener Filmproduktionsfirma punktfilm Anna Ditges. Absolvierte 2002 ihr Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln mit dem Schwerpunkt Regie. Arbeitete von 2001-06 als freie Cutterin (u.a. WDR). 2003 realisierte sie ein deutschrussisches Familienportrait: „Ich bin grad so deutsch wie Sie“. Für Phoenix und den WDR erstellte Ditges von 2006-08 die sechsteilige Fernsehreihe „Meine Geschichte. Sechs Zeitzeugeninterviews aus dem Zweiten Weltkrieg“ à 15 Min. Erhielt ihre erste Auszeichnung 2007 auf den Filmfestspielen Biberach mit dem „Doku-Biber“ für ihr mehrfach ausgezeichnetes Kino-Debut: „Ich will dich - Begegnungen mit Hilde Domin“, bei dem sie, wie bei fast all ihren Filmen, neben Buch, Regie, Kamera und Schnitt auch die Produktion selbst umsetzte. 2011 folgte ihr jüngstes Werk „Ora et Labora - Das Unternehmen Pöppelmann“.
Referat: Wie erzähle ich das Unaussprechliche? – Von den Grenzen des Dokumentarischen
Als Filmemacherin reizte mich die Idee, einen Dokumentarfilm über ein komplexes, mir unvertrautes System wie ein Unternehmen zu machen. Die Herausforderung lag zunächst darin, einen Zugang zu finden – emotional, thematisch, künstlerisch.
Während meiner ersten Recherchebesuche bei Pöppelmann habe ich den Mitarbeitern dort die Frage gestellt: Was macht dieses Unternehmen zu etwas Besonderem? Die Antwort lautete immer wieder: „Der Pöppelmann-Geist“. Tatsächlich ist die Erinnerung an die beiden verstorbenen Gründer, Josef und Gertrud Pöppelmann, im Unternehmen lebendig geblieben. Es erschien mir, als sei ihre Gegenwart überall spürbar: in den Büros, auf den Fluren, in den Hallen, sogar in jeder einzelnen Maschine.
Bald stieß ich dann auf einen wunden Punkt: den Freitod Josef Pöppelmanns. Ich habe versucht, dieses traurige Kapitel der Familiengeschichte behutsam und respektvoll aufzuarbeiten. Dabei bin ich als Filmemacherin immer wieder auch an Grenzen des Zumutbaren gestoßen, denn im Unternehmen ist der Suizid des Gründers bis heute ein Tabu, über das man nicht spricht.
Henk Drees
Editor
Berater für Film-Dramaturgie und -musik, sowie Dozent. Studium der Film- und Fernsehwissenschaft, Philosophie und Musikwissenschaft in Bochum. Von Kino- und Imagetrailern, Musikvideos, Making of und News u.a.: ZDF; über Docutainment-Formate u.a.: filmpool, eyeworks; bis hin zu (Non-)Fiction „Storytelling Man“ (2005) – Schnitt; „Projekt Gold“ (2007) – Schnitt u. musikalische Beratung; „Überall nur nicht hier“ (2009) – Schnitt; „Rich Brother“ (2009); „Work Hard - Play Hard“ erhielt 2011 auf dem DOKfest neben dem FIPRESCI-Award, den Healthy Workplaces Award, sowie den Preis der ökumenischen Jury und den Goldenen Schlüssel auf dem Dokumentarfilmfestival in Kassel.

Erik Winker
Regisseur und Produzent
Studium der Kommunikations-, Film- und Erziehungswissenschaft und TV Produktion in Münster, Berlin und Manchester. Abschluss als Master of Arts. Anschließend Aufbaustudium Filmregie an der Kunsthochschule für Medien Köln. Abschluss 2003 mit Diplom.
Während der Ausbildung regelmäßige Beschäftigungen als Regieassistent für Dokumentarfilme, u.a. für Andres Veiel („Die Spielwütigen“) und Solveig Klaßen („Jenseits von Tibet“) und medienpädagogische Arbeit für Kinderfilmfestivals und schulische Einrichtungen. 2003 - 2007 fest angestellter Producer bei LICHTBLICK Film Köln. Dort zuständig für die Entwicklung, Finanzierung und Durchführung zahlreicher nationaler und internationaler Dokumentarfilmproduktionen.
2008 gründeten Erik Winker, Andreas Brauer und Martin Roelly HUPE-Film. Seither selbständig als Produzent und Regisseur tätig.
Lehraufträge für Dokumentarfilm an der Universität und Fachhochschule Salzburg. Stellvertretender Vorsitzender des Filmbüro NW e.V. und Mitglied des European Documentary Network (EDN). Neben der Produktion moderner und außergewöhnlicher (non)fiction-Filme mit starker Autorenhandschrift versteht sich HUPE Film als professionelles Netzwerk.
Filme u.a.: Eine Insel namens Udo (2011), Work Hard Play Hard (2009 - 11), Frohes Schaffen (2010 - 12)
Referat: Projekt: Work Hard Play Hard Zeigen vs. Deuten – Vom Suchen und Finden einer dokumentarischen Haltung
Das Thema des Dokumentarfilms Work Hard Play Hard sind moderne Methoden im Human Ressource Management, zu deutsch: Personalführung. In diesem Bereich geht es per se schon viel um Außendarstellung, Performance und Schaffung von (corporate) identities.
So kam es während der Arbeit am Film zu einer Reihe von Auseinandersetzungen, die sich um die Frage drehten, wie man dieser performativen Welt am ehesten gerecht wird: Mit dem Versuch der objektiven, neutralen und möglichst nicht verstellenden Wiedergabe des aufgezeichneten Materials oder mit einer verdichteten, komponierten und damit meinungsbehafteten Dramatisierung.

Ralf Michael Fischer
Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in Tübingen und an der University of Massachusetts in Amherst. Engagierte sich bei den Französischen Filmtagen in Tübingen (1993- 98). 2001 bis 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Kunst-geschichtlichen Instituten in Marburg und Frankfurt. 2007 bis 2009 Mitarbeiter des Projekts „Genre und Genrekritik. Raumkonstruktionen des Erzählkinos und ihre filmische Reflexion“ an der Universität Frankfurt. Seit 2009 Assistent am Kunsthistorischen Institut der Eberhard Karls Universität Tübingen. Dissertation über „Die Konstruktion von Raum und Zeit im Oeuvre Stanley Kubricks“ (2009).
Arbeitsschwerpunkte: documenta-Geschichte; amerikanische Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts; Wechselwirkungen zwischen Fotografie und Malerei; Film. Lehrveranstaltungen zu Malerei, Fotografie und Film (u.a. Kurosawa, Kubrick, Film-Noir und Neo-Noir, französisches Kino der 60er Jahre, Ingmar Bergman, Essayfilm, Western). Publikationen zu Antonioni, Kurosawa, Kubrick, Anthony Mann, Edward Hopper und Jackson Pollock. Habilitationsprojekt über Visualisierungen der ‚amerikanischen Frontier‘ zwischen 1890 und 1950 in Malerei, Grafik, Fotografie und Film.
Referat: 24 x Lüge und Wahrheit in der Sekunde – Stanley Kubricks Wirklichkeits- und Bildreflexionen
Kubricks Ziel war von Beginn an eine tief reichende Analyse der Wirklichkeit, um ihre Strukturen und Paradoxien jenseits reduktiver Welterklärungsmodelle freizulegen. Gerade in seinen reifen Filmen ab „2001“ gelangt er zu einer Synthese von maximaler Authentizität und deren gleichzeitiger Infragestellung durch die Offenlegung ihrer Inszeniertheit – 24 x Wahrheit und 24 x Lüge in der Sekunde hintertreiben sich in seinen Bildern gegenseitig, da Kubrick die Sperrigkeiten und Grenzen des Filmmediums stets mitreflektiert.
Der Vortrag möchte sich anhand exemplarischer Inszenierungs - und Montageanalysen auf diese drei Ebenen in Kubricks Filmen konzentrieren: Wirklichkeitsanalyse – kritische Reflexion des Filmmediums und damit auch der eigenen Wirklichkeitsanalyse – Rückwirkung auf die Wirklichkeit. Der Schwerpunkt soll dabei auf seinen weniger bekannten frühen Filmen liegen.

Thomas Frickel
Filmemacher, Produzent
Studium der Germanistik, Publizistik, Soziologie. Anschließend freiberuflicher Journalist mit den Schwerpunkten Kultur & Geschichte. Filmarbeit seit 1968. Autor, Regisseur und Produzent zahlreicher Kurzfilme, Fernsehproduktionen und programmfüllender Kino-Dokumentarfilme. Seit 1986 als Vorsitzender und Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm, als Delegierter der Wahrnehmungsberechtigten in der VG Wort, im Beirat der Künstlersozialkasse sowie als Sprecher der Sektion Film/Medien des „Deutschen Kulturrats“. Mitbegründer und bis 1999 Vorstandsmitglied des Europäischen Dokumentarfilm-Netzwerks EDN. Filme u.a.: „Heilt Hitler“ (1996), „Goethe light“ (1999-02) und „Die Mondverschwörung“ (2011)
Referat: Versuchs-Labor Wirklichkeit
Die Versuchs-Anordnung ist denkbar einfach. Wir hängen einen Wollfaden in eine gesättigte Salz-Lösung und warten, was passiert. Nach einer Weile bilden sich Kristalle aus.
Jetzt nehmen wir als Katalysator einen rumänischen Goethe-Darsteller und implantieren ihn in den oberflächlichen Kulturkommerz des Goethe-Jahres. Oder wir lassen einen amerikanischen Journalisten die Untiefen verschwörungstheoretisch geprägter Rechtsesoterik eintauchen. Und wieder kristallisiert sich etwas aus, was zuvor latent vorhanden, aber noch nicht sichtbar war.
Dass diese Experimente zum Teil groteske Ergebnisse hervorbringen, mag an den jeweiligen Sujets liegen. Aber das mindert ihre dokumentarische Qualität nicht. Im Gegenteil: auf diese Weise lässt sich der Spielraum der dokumentarischen Kamera in Bereiche erweitern, die zwar vor unserer eigenen Haustür beginnen, die dem Blick der Öffentlichkeit aber weitgehend entzogen sind. „Eine ethnografische Reise ins eigene Land“ hat ein Kritiker das genannt.

Gerhard Midding
Filmkritiker und Publizist
Studium der Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft. Arbeitet als freier Film-Journalist für Tageszeitungen und Fachzeitschriften, u. a. für Berliner Zeitung, Filmbulletin, Frankfurter Rundschau, Tagesanzeiger. Radiobeiträge für den SFB/ RBB, Fernsehbeiträge für den WDR. Mitarbeit an verschiedenen Filmbüchern. Eigene Publikationen als Autor, Herausgeber und Übersetzer u.a.: „Mitchum/Russell“ (1991), „Stars des neuen Hollywood“ (1991), „Teamwork in der Traumfabrik" (1993) und „Clint Eastwood“. „Der konservative Rebell“ (1996), „Die Kunst des Filmschnitts“ (2005).
Mehrmaliger Referent der Symposien seit 1999, sowie der Psychoanalyse-Seminare zu Polanski, Buñuel, Almodóvar.
Referat: In Algerien gab es keinen Paul Newman
Nach dem 11. September, rund 35 Jahre nach seiner Entstehung, war "Schlacht um Algier" plötzlich der Film der Stunde. Das Pentagon studierte ihn als Lehrstück, wie man gegen Terroristen Krieg führt. Dass er als Studie über Strategie und Gegenstrategie noch immer konkurrenzlos ist, liegt nicht zuletzt an seinem schillernd dokumentarischen Erzählgestus.
Regisseur Gillo Pontecorvo, dem kein großes Budget und keine berühmten Darsteller zur Verfügung standen, war davon überzeugt, dass er das Publikum nur mit zupackender Sachlichkeit würde fesseln können. Der Film ist fast ausnahmslos mit Laiendarstellern besetzt (von denen einige sich selbst spielen), die Massenszenen sind allerdings millimetergenau choreographiert. In meinem Vortrag möchte ich die Verschmelzung dieser scheinbar widersprüchlichen Erzählstrategien genauer untersuchen.

Ivo Ritzer
Filmwissenschaftler
Lehrt Mediendramaturgie und Filmwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz; Bild-, Kultur- und Medientheorie an der FH Mainz.
Seine Forschungsgebiete sind Film- und Medientheorie, Filmgeschichte und Filmästhetik, Interkulturalität und kulturelle Globalisierung, Körpertheorie, Populäre Kulturen und Populäre Medienkulturen. Zahlreiche Buchpublikationen zu den genannten Schwerpunkten. Freiberufliche Arbeit als Autor und Essayist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Splatting Image, Testcard u.v.a.
Referent in Mannheim 2009 und 2010.
Referat: Zwischen Authentizität und Affekt: Körper|Techniken des Kriegsfilms
Der Kriegsfilm ist ein Genre, das sich wie kein anderes in einem permanenten Spannungsfeld zwischen Authentizität und Affekt bewegt. Einerseits ließe sich als These formulieren, dass er durch seine fiktionale Ebene und seine daraus resultierende gestalterische Freiheit den narrativen Gegenstand auf eine Weise verhandelt, die der audiovisuellen Reproduktion durch Kriegsberichterstattung und sog. Dokumentarfilme entgegensteht. Diese Referenzobjekte wiederum können als Indikator für den Authentizitätseffekt eines Kriegsfilms gelten. Andererseits bilden Strategien der Authentifizierung nur eines der konventionalisierten Ziele im Kriegsfilm. Simultan existiert eine stark ausgeprägte Affektrhetorik, die bestimmte Gefühlswelten zu evozieren trachtet. In der Inszenierung von Körpern bei gleichzeitiger Modulation des Zuschauerkörpers kommen Authentifizierung und Affizierung des Kriegsfilms auf signifikante Weise zusammen. Die diegetisch dargestellte Körpererfahrung durch Filmtechnik findet ihr Telos in der Offerte einer Körpererfahrung für das Zuschauersubjekt. Bild und Ton geht es vor allem im postklassischen Kino immer mehr darum, bei Negation jeder Distanz eine unmittelbare Nähe zu suggerieren, deren Effekt eine maximal somatisch-sensorisch aufgeladene Filmwahrnehmung darstellt. Die Körpertechniken des Zuschauerkörpers werden so mit denen des Filmkörpers verschweißt.

Marcus Stiglegger
Filmwissenschaftler, Publizist und Drehbuchautor
Lehrt Film- und Bildanalyse an der Universität Siegen. Promotion 1999 zum Thema »Sexualität und Faschismus im Film« (2. Aufl., engl. Übers.i.Vorb. 2012). Zahlreiche Texte zur Filmgeschichte, -ästhetik und -theorie, u. a. für die Zeitschriften testcard, epd Film und Splatting Image. Herausgeber der Kulturzeitschrift ‚Ikonen‘ (www.ikonenmagazin.de).
Aktuelle Publikationen: »Terrorkino. Angst/Lust und Körperhorror« (Berlin 2010); »Nazi Chic & Nazi Trash. Faschistische Ästhetik in der Populärkultur« (Berlin 2011); »Global Bodies. Mediale Repräsentationen des Körpers« (Berlin 2011; Mit-Hg.); »Ritual & Verführung. Schaulust, Spektakel und Sinnlichkeit im Film« (Deep Focus 3,Berlin 2006) u.a. Zum Thema Filmemacher zwischen Autorenfilm und Mainstream gab er die Textsammlung „Splitter im Gewebe“ (Mainz 2000) heraus. Referent der Symposien 2008 und 2011, sowie bei den Psychoanalyse-Seminaren zu Pasolini und Aronofsky.
Referat: Verblasste Erinnerungen? - Authentifizierungsstrategien im Historienfilm
Der Vortrag wird sich mit Strategien künstlicher Filmalterung beschäftigen und sehr materialnah an bekannten und weniger verbreiteten Filmbeispielen die Authentizitätsstrategien des gegenwärtigen Spielfilms belegen. Die These dabei ist, dass über die Jahrzehnte eine konventionalisierte Vorstellung der geschichtlichen Ereignisse etabliert wurde, von der eine Inszenierung nur in engem Rahmen abweichen kann, ohne ‚unglaubwürdig’ zu werden. Einige diskutierte ‚Grenzfälle’ zeugen von diesem Problem.
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